„Wie nah ist der Nahe Osten?“ In der Staatskanzlei in Wiesbaden haben sich der Beauftragte der Landesregierung für Jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus getroffen: Uwe Becker, der Butzbacher Bürgermeister Sascha Huber sowie Dr. Gad Arnsberg, Historiker und Politwissenschaftler, der aus Israel angereist ist, um sich mit dieser Themenstellung auseinanderzusetzen.
Uwe Becker fungiert als unabhängiges Bindeglied zwischen den Jüdischen Gemeinden In Hessen und der Landesregierung. In dieser Rolle entwickelt er Strategien und Initiativen, um Judenhass wirksam entgegenzutreten.
Im Schatten der Ereignisse in Gießen, der Gründung der Organisation der AfD-Jugend und den daraus folgenden Gegenprotesten, ist die Verlegung des Treffens nach Wiesbaden notwendig geworden. Butzbachs Bürgermeister Huber bedankte sich bei den Anwesenden für ihre Flexibilität.
Huber hob die Bedeutung der Synagoge im Butzbacher Stadtteil Pohl-Göns als Symbol für demokratische Werte, interkulturellen Dialog und Freiheit hervor. Dieser Bau ist die einzige komplett erhaltene Synagoge auf dem Butzbacher Stadtgebiet. Für die Stadt Butzbach ist das noch erhaltene Synagogengebäude von einmaliger kulturhistorischer Bedeutung. Die Synagoge dient als Erinnerung an die jüdische Geschichte und Kultur.“
Es ist eine Gelegenheit, die Synagoge nicht nur als kulturhistorisches Denkmal zu betrachten, sondern auch als lebendigen Ort der Begegnung und des Austauschs – ein Ort, der die Werte der Freiheit und Demokratie fördert, so Huber.
Ebenso würdigte Huber die Errungenschaften von Friedrich Ludwig Weidig. „Als Lehrer, Theologe und vor allem als liberaler Publizist hat er in Butzbach entscheidende Schritte auf dem Weg zur Demokratie angestoßen. Als Stadt, die stolz den Namen Friedrich Ludwig Weidig trägt, sind wir besonders verpflichtet, sein Erbe zu bewahren und zu ehren. Im Rahmen der neu gestalteten Dauerausstellung im Butzbacher Museum zum Leben und Wirken Friedrich Ludwig Weidigs haben wir als Stadt Butzbach die Plakette „Ort der Demokratiegeschichte“ erhalten.“
Aus den Nachrichten ist erkennbar, dass einigen Hamas-Terroristen von der Generalbundesanwaltschaft vorgeworfen wird, einen Anschlag in Berlin vorbereitet zu haben. Die Warnung diesbezüglich ist vom israelischen Geheimdienst Mossad als Information an die deutschen Behörden weitergegeben worden. DIE ZEIT (27.11.2025) schreibt von jahrelang existierenden Verbindungen und agierenden Netzwerken, die den deutschen Sicherheitsbehörden bis dahin vollständig entgangen sind.
Uwe Becker wies darauf hin, dass Hamas-freundliche Organisationen schon länger in der Bundesrepublik verortet sind und für ihre Sache werben. Gut organisierte Akteure arbeiten seit Jahren daran, Antisemitismus und die Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden wieder salonfähig zu machen, sowie Vorbehalte gegenüber „den Juden“ in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.
Die Anwesenden waren sich einig, dass ein Paradigmenwechsel in Deutschland notwendig ist. Der Wertewandel muss angehalten werden. Antisemitismus zulassen heißt, die deutsche Verfassung zu untergraben.
Unsere Werte werden derzeit infrage gestellt, so Becker und die Frage sollte gestellt werden, ob es in Deutschland noch ein jüdisches Leben geben kann. Wir brauchen keine Wende in unserer Erinnerungskultur, wie sie von rechten Demagogen gefordert wird, sondern eine Wende in unserer Handlungskultur.
Schon früh nach dem Angriff der Hamas auf Israel und der vorhersagbaren Reaktion auf den Terrorakt im Gazastreifen, entstand hierzulande ein sich „tugendhaft ergebender Antisemitismus“, der von vielen Menschen akzeptiert worden ist. Der linke, häufig als antizionistischer Israelhass codierte Antisemitismus flammte nach dem 7. Oktober im Westen offen auf. Er hatte lange im Hochschul- und Kulturbereich geschmort – in den Gender Studies, im Klimaaktivismus, im Identitätsdiskurs sowie im woken, antikolonialistischen und postkommunistischen linken Milieu, so Gad Arnsberg.
Und weiter: Genauer handelt es sich um eine Unterkategorie des Kolonialismus, nämlich den Siedlerkolonialismus. Die Palästinenser erscheinen in dieser Lesart als Blaupause einer „indigenen“ Bevölkerung, deren verübtes Massaker am 7. Oktober als gerechter Aufschrei der Opfer des zionistischen Siedlerkolonialismus gefeiert wurde.
Der Hass auf Israel fungiert derzeit als die wirksamste „antisemitische Integrationsideologie“ [Salzborn], auf die sich Akteure aus entgegengesetzten politischen Lagern verständigen können – von rechtsextremen, faschistoiden, Jihad-lüsternen Muslime bis zu linken, antikolonialistischen, feministischen, queeren und klimaaktivistischen Gruppen.
Die Anwesenden waren sich einig, wer im Nah-Ost-Konflikt skandiert „From the river to the sea, palestine will be free“ spricht dem Völkermord das Wort, damit auch dem Terror der Hamas – auch in Deutschland.

