Friedrich Ludwig Weidig

Ein Leben für die Freiheit – Eine digitale Ausstellung

Vormärz – Zeit der Unruhe

Die politischen und sozialen Umstände in Hessen vor der Revolution 1848/49.

Der Vormärz und die Politik der Restauration

Die Epoche vor der deutschen Revolution 1848/49 nennt man Vormärz – eine Zeit großer politischer und sozialer Spannungen. Zuvor hatte Napoleon Bonaparte durch seine Europafeldzüge die Machtverhältnisse in vielen Ländern neu definiert. Napoleons Eroberungen erzeugten lokalen Widerstand gegen diese Fremdherrschaft. Es folgten die Befreiungskriege, die Napoleon verlor. Danach sollte der Wiener Kongress 1814/1815 die Macht- und Territorialverhältnisse neu ordnen. Unter der Führung von Staatsmännern wie dem österreichischen Außenminister Metternich wurde die Politik der Restauration vorangetrieben. Die Ideale der Befreiungskriege – Freiheit, Demokratie und nationale Einheit – wurden nun systematisch unterdrückt.

Auch die vielen deutschen Ländereien mussten sich neu organisieren. Der ­Deutsche Bund wurde gegründet. Er sollte die innere und äußere Sicherheit seiner Mitglieder garantieren. Für die Herrscher war er ein Instrument, um ihre Macht zu sichern und liberale Bestrebungen zu unterdrücken.

Überwachung und Zensur als ­Instrumente der Macht

Im Großherzogtum Hessen, wie in anderen Staaten des Deutschen Bundes, herrschte ein Klima der Angst und Resignation: Die Karlsbader Beschlüsse 1819 ebneten den Weg für ein umfassendes staatliches Überwachungssystem. Universitäten wurden bespitzelt, Burschenschaften – die Zentren der liberalen und nationalen Bewegung – verboten und eine strenge Pressezensur erstickte jede Kritik. Die Zensur war ein zentrales Instrument der Unterdrückung. Der Staat kontrollierte genau, welche Schriften veröffentlicht werden durften, und unterdrückte damit unerwünschtes Gedankengut.

Soziale Not und erste Aufstände

Aus Angst vor Verfolgung zogen sich die Bürger ins Private zurück, doch unter der Oberfläche brodelte es. Die französische Julirevolution 1830 entfachte auch in den deutschen Staaten wieder Hoffnung auf Veränderung.

Die beginnende Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und Missernten lösten zur gleichen Zeit Hungersnöte und Elend aus. Es kam zu Aufständen, die niedergeschlagen wurden, wie beim „Blutbad von Södel“ 1830. Hier schossen hessische Truppen auf unbewaffnete Dorfbewohner.

Formierung des Widerstands und Eskalation

Trotz der Unterdrückung formierte sich Widerstand. Beim Hambacher Fest 1832 kamen rund 30.000 Menschen friedlich zusammen, um öffentlich nationale Einheit und Freiheit zu fordern. Die Reaktion der Obrigkeit war scharf: Es gab Verhaftungen und Verbote. Ein Jahr später versuchten bewaffnete Bürger beim Frankfurter Wachensturm gewaltsam, eine Revolution auszulösen. Der Versuch scheiterte. Alle legalen Möglichkeiten des Widerstands wurden abgeschafft. Das Verbot von politischen Zeitungen und die Auflösung des Darmstädter Landtags 1833 zwangen Freiheitskämpfer wie Friedrich Ludwig Weidig in den Untergrund.

  • Wiener Kongress: Treffen der europäischen Großmächte 1815 nach Napoleons Niederlage zur Neuordnung Europas. Hauptziele waren Restauration (Wiederherstellung der alten Monarchien), Legitimität (gottgegebene Herrschaft) und Solidarität (gegenseitige Hilfe der Herrscher).
  • Deutscher Bund: 1815 gegründeter loser Staatenbund von 35 deutschen Staaten.
  • Karlsbader Beschlüsse: Gesetze und Repressionen gegen Burschenschaften, Schulen und Universitäten. Die Pressefreiheit wurde abgeschafft.
  • Burschenschaften: Politisch aktive Studentenverbindungen, die für nationale Einheit und bürgerliche Freiheiten eintraten und deshalb verboten wurden.
  • Zensur: Staatliche Kontrolle und Verbot von Schriften zur Unterdrückung kritischer und revolutionärer Ideen, verschärft durch die Karlsbader Beschlüsse 1819.
  • Blutbad von Södel (bei Wölfersheim): In dieser Ausstellung sehen Sie ein Gemälde, auf dem einige Aufständische in typischer Kleidung in Wölfersheim einziehen.
  • Hambacher Fest: Die bis dahin größte politische Massenkundgebung in Deutschland (1832), auf der Freiheit und nationale Einheit gefordert wurden.

Wiener Kongress und Restauration

Vom Wiener Kongress zum Blutbad von Södel

Nach der Niederlage Napoleons in den Befreiungskriegen (1813-1815) werden die Grenzen in Europa im Wiener Kongress 1814 / 1815 neu definiert, und die deutschen Staaten schließen sich zum Deutschen Bund zusammen. Die Staatsgewalt fast aller Mitglieder liegt – wie vor der französischen Revolution 1789 – in der Hand von Monarchisten. Dieser Rückgriff auf das Herrschaftsprinzip des Absolutismus provoziert ein liberales Aufbegehren: Freiheitliche Ideen und die Forderung nach einem deutschen Nationalstaat stellen sich gegen das Bündnis. Vor allem links des Rheins regt sich der Unmut: Die zuvor französischen Gebiete sind wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich modern geprägt und fürchten nun um diese Errungenschaften. Die Unterdrückung des Volkes bereitet den Boden für radikale Positionen, die auch den politischen Mord als legitimes Mittel sehen.

Die Karlsbader Beschlüsse (1819) und die Wiener Schlussakte (1820) schaffen die gesetzlichen Grundlagen, um bürgerliche Freiheiten und politische Aktivitäten zu beschränken und unter Strafe zu stellen. Steigende politische Unterdrückung, Beobachtung der Universitäten, zudem die unter harten Steuern und Hunger leidende Bevölkerung schaffen ein Klima breiter Unzufriedenheit. Ermutigt durch die Julirevolution 1830 in Paris und das Überspringen des Funkens auf Polen und Belgien, rotten sich in etlichen deutschen Staaten wütende Menschen zusammen. Im September 1830 verwüsten Aufständische im kurhessischen Hanau (Hessen-Kassel) das Zollhaus. Zur Niederschlagung der Unruhen im Großherzogtum Hessen sind Truppen eingesetzt. Auch die Dragoner des Butzbacher Leibregiments rücken aus und verschulden in Södel und Wölfersheim das sogenannte Blutbad von Södel.

Hauptziele des Wiener Kongresses (nach F. Saedna)RestaurationLegitimitätSolidarität
Wiederherstellung der politischen Zustände vor 1792 (Französische Annexion linksrheinischer Gebiete)Rechtfertigung monarchistischer Ansprüche der Zeit vor 1789 (Französische Revolution)Gegenseitige Unterstütfung fürstlicher Interessen bei freiheitlichen Bestrebungen und revolutionären

Hambacher Fest und Landtagsentlassung

Vom Hambacher Fest zur Entlassung des Landtages

Das offiziell als unverdächtiges Volksfest angekündigte Hambacher Fest wird von den Organisatoren zur politischen Massenkundgebung umfunktioniert. Die Veranstaltung entgleitet den Behörden völlig: Bis zu 30.000 Gäste hören am 26. Mai 1832 die Forderungen nach bürgerlicher Freiheit, deutscher Einheit sowie einem vereinigten demokratischen Europa. Der Bundestag in Frankfurt reagiert prompt, verschärft die Pressezensur, verbietet politische Versammlungen und Vereine sowie das Tragen der Farben schwarz-rot-gold. Es folgen polizeiliche Hausdurchsuchungen und Verhaftungen bei Organisatoren und Rednern. Auch Weidig wird allerdings erst später ins Verhör genommen. Tatsächlich war er in die Vorbereitungen involviert, ohne selbst am Fest teilzunehmen.

Mit dem Sturm auf die Frankfurter Hauptwache und die Konstabler Wache am 3. April 1833 sollen die liberalen Ziele mit Gewalt erstritten und eine Revolution in Deutschland angestoßen werden. Der von den Burschenschaften dilettantisch geplanten Aktion fehlt jedoch der Rückhalt sowohl bei den eigenen Mitstreitern wie auch in der Bevölkerung. Zudem sind die Behörden durch Verrat frühzeitig über das Vorhaben informiert. Das „Bubenstück“ – so äußert sich Friedrich Ludwig Weidig nach anfänglicher Zustimmung – misslingt. Um die letzten liberalen Bestrebungen im Großherzogtum zu ersticken, verfügt Staatsminister Karl du Bos du Thil im November 1833 das Verbot aller politischen Zeitungen und entlässt den Darmstädter Landtag. Liberale, Demokraten und Republikaner sind nun in den Untergrund gezwungen.

Vorgeschichte: Ein Krimi

Der Mord des Burschenschaftlers Karl Ludwig Sand an dem Dichter und Kritiker der nationalen Bewegung August von Kotzebue am 23. März 1819 liefert der Obrigkeit den willkommenen Anlass für die Überwachung der Universitäten und ein Verbot der Burschenschaften. Freiheitliche, demokratische und nationale Bestrebungen werden unter Generalverdacht gestellt und kriminalisiert. Mit der Verschärfung der Pressezensur wird die Verbreitung von „revolutionärem“ Gedankengut unterbunden. Der Deutsche Bund behält sich im Falle „offenen Aufruhrs“ oder „gefährlicher Bewegungen“ vor, direkt in den einzelnen Bundesstaaten einzugreifen, um die politische und gesellschaftliche Ordnung zu sichern. Angestoßen von der Julirevolution 1830 in Frankreich kommt es zu Aufständen und Unruhen in Polen, Belgien sowie in mehreren deutschen Staaten.

Das Großherzogtum Hessen reagiert mit aller Härte, entsendet Truppen und droht jedem, der mit einer Waffe angetroffen wird, mit dem Standgericht. Bei der Verhaftung von vermeintlich Aufständischen kommt es zum Blutbad in Södel (1830). Das Hambacher Fest (1832), ein Höhepunkt der Frühdemokratie in Deutschland, löst eine Welle von Verhaftungen aus. Vielen Verfechtern der Freiheit bleibt nur die Flucht ins Ausland oder in den Untergrund. Der misslungene Frankfurter Wachensturm (1833), der eine Revolution anstoßen und liberale Ziele mit Gewalt durchsetzen sollte, hat weitere Restriktionen zur Folge, die schließlich in der Auflösung des Darmstädter Landtages gipfeln. Erst in diesem Klima totaler staatlicher Aufsicht und Kontrolle wird die Sprengkraft des Hessischen Landboten fassbar.

Vom Protest zur Volkserhebung

Polenbegeisterung und Solidarerklärungen 1830-1833

1830 hat eine ungünstige Witterung auch im Großherzogtum Hessen eine Missernte zur Folge. Das miserable Wetter ist eine Folge des Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der Südseeinsel Sumbawa im Jahr 1815. Die neuerliche Missernte war für die ohnehin von Steuern und feudalen Abgaben hoch belastete Bevölkerung zu sinkenden Getreidepreisen, Teuerung, Verschuldung und Hungersnot führt. Die Prunksucht des Großherzogs Ludwig II., zudem, sein Plan, die Staatskasse solle seine privaten Schulden tragen, wecken Empörung und Widerstand.

Auch im Vogelsberg, in der Wetterau und am Main rotten sich im Jahr der französischen Julirevolution Aufständische zusammen und ziehen protestierend und immer handgreiflicher von Ort zu Ort. Der Großherzog reagiert mit der Entsendung von Soldaten, die unter dem Befehl seines Bruders Emil stehen. Als die Truppen in Södel mutmaßliche Aufständische zu erkennen glauben und einen angeblich zu den Rebellen übergelaufenen Bürger aufspüren, eskaliert die Situation – es kommt in Södel und dem benachbarten Wölfersheim zu Toten und Verwundeten.

Weidig beklagt die Gräueltaten, das brutale Vorgehen gegen Unschuldige und widmet im August 1831 sein „Teutsches Gesangbuch“ 1831 „zum Beßten der am 1ten October 1830 unglücklich gewordenen Familien“. Weidig gibt Spendenaufrufe auf für die betroffenen Familien gesammelt. Das vom Militär geleugnete Unrecht wird erst 1831 später durch einen Prozess und Verurteilung gegen wenige der beteiligten Soldaten und Offiziere mit geringfügigen Strafen gesühnt.

In Büchners und Weidigs Hessischem Landboten wird das in Södel aktive Militär als „gesetzliche Mörder“ eingestuft, „welche die gesetzlichen Räuber schützen“. 1831 erhalten dagegen von den rund 200 festgenommenen Aufständischen 79 Zuchthausstrafen zwischen einem und 15 Jahren, die der Großherzog später gnadenweise auf ein Drittel reduziert.

Die Verschärfung der Zensur, das Versammlungsverbot, zunehmende Überwachung und Beamtenwillkür bestätigen Weidig einerseits, zwingen ihn andererseits jedoch zunehmend, alle Aktivitäten im Verborgenen zu betreiben. Obwohl er als „Demagoge“ unter ständiger Beobachtung staatlicher Polizeispitzel steht, unterhält er ein geheimes Netzwerk von Oppositionellen, das über Hessen-Darmstadt, Frankfurt und Hessen-Kassel hinausgeht. Seine Kontakte reichen bis in den Südwesten (Baden) Deutschlands, einem der Zentren des frühen Liberalismus:

So reist er im Frühjahr 1832 in die Rheinpfalz und nach Mannheim, um sich mit den Organisatoren des Hambacher Festes zu treffen. Selbst wird er an der Großveranstaltung jedoch nicht teilnehmen (da er als Lehrer keinen Urlaub bekommt). Er schickt Carl Zeuner – sein ehemaliger Schüler und enger Vertrauter, der von ihm einen Zuschuss zu den Reisekosten erhält – und Friedrich Leberecht Arndt von der Butzbacher Lesegesellschaft zu der viertägigen Protestveranstaltung.

Auch außenpolitisch engagiert sich Weidig. Bereits 1823 ergreift er Partei für die Griechen im Freiheitskampf gegen die Vormacht der Osmanen und sammelt für deren Vorhaben. Prinzipiell geht es hier um die politische Forderung nach der Selbstbestimmung der Völker.

Als 1831/32 der polnische Aufstand gegen die Herrschaft des russischen Zaren Nikolaus I. niedergeschlagen wird und Tausende Patrioten ihr Land verlassen müssen („Große Emigration“), erklären sich die deutschen Liberalen solidarisch mit den Flüchtlingen, denen sie sich im Geiste tief verbunden fühlen. Vielerorts – so auch in Butzbach unter Weidigs Federführung – gründen sich „Polenvereine“, um den Exilanten mit Geld- und Sachspenden zu helfen.

Unterstützt von seiner Frau Amalie, die im Vorstand des Wetterauer Frauenvereins für die polnischen Freiheitshelden wirbt, initiiert Weidig Spendenaktionen und Lotterien im Butzbacher Polenverein, der Gründer und „Director“ des Vereins ist.

Die strikten Junibeschlüsse 1832 und die Auflösung des Landtages unter Großherzog Ludwig II. haben zum Ziel, die letzte legale demokratische Einflussnahme zu ersticken und der Opposition jede öffentliche Plattform zu entziehen. Ungeachtet dessen wächst die Bereitschaft zu aktivem, notfalls gewaltsamem Widerstand. Weidig unterstützt 1833 zunächst den Plan zur Erstürmung der Frankfurter Wachen, erkennt jedoch bald dessen Aussichtslosigkeit und distanziert sich.

Ahnend, dass man ihm eine Mitwisserschaft unterstellen wird, besorgt er sich ein Alibi, was den Friedberger Kreisrat nicht hindert, ihn für sieben Wochen unter Arrest zu stellen. Wegen fehlender Beweise schließlich aus der Haft entlassen, beteiligt sich Weidig trotz allem an der Herausgabe und Verbreitung illegaler Zeitungen und Flugblätter.

Vormärz und Revolution 1848/49

„Frei und Einig!!“

Die Jahre vor der Revolution 1848/49 werden historisch und politisch als Vormärz bezeichnet, wobei der Begriff geografisch auf die Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes begrenzt ist.

Der Beginn der politischen Epoche wird von den Historikern unterschiedlich festgelegt: Im weiteren Sinne beginnt der Vormärz im Jahr 1815 mit dem Wiener Kongress und der staatlichen Neuordnung nach absolutistischem Vorbild im Deutschen Bund (Restauration). Eine engere Definition markiert die französische Julirevolution 1830 als scharfe Zäsur und den Beginn des Vormärz. Seltener wird der Begriff für die Jahre vor der Revolution 1848/49 – etwa seit der Thronbesteigung König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen im Juni 1840 – angewandt.

Kennzeichnend für die Epoche ist der Konflikt zwischen einer konservativen, rückwärtsgewandten Staatsordnung und dem aufkommendem Liberalismus und Nationalismus.

Mit der Zerschlagung des geheimen Netzes von Oppositionellen ist dem Widerstand der Antrieb genommen. Viele Freidenker sind geflüchtet, verhaftet oder des Landes verwiesen. Das Verhältnis von Staat und Volk ist geprägt von Behördenwillkür und polizeilicher Überwachung hier, von Untertänigkeit und politischem Desinteresse dort.

Die Frühindustrialisierung bringt traditionelle Handwerkwerks-betriebe und Manufakturen durch maschinell gefertigte Waren und den beginnenden Importhandel in Bedrängnis, was eine Verarmung weiter Bevölkerungskreise zur Folge hat. Die Situation verschärft sich durch die Missernte von 1846, was den Boden für allgemeine Unzufriedenheit und Hungerrevolten bereitet.

Wieder liefert Frankreich politisch den Anstoß: Die bürgerlich-demokratische Februarrevolution von 1848 führt zur Abdankung des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe, der Funke der Revolution springt auch nach Deutschland über.

Die restaurativen Großmächte Rußland, Preußen, und Österreich, die sich nach dem Sieg über Napoleon 1815 in der sogenannten „Heiligen Allianz“ vereinigt haben, prägen das politische Klima in Europa. Der langjährige Staatskanzler und Außenminister Österreichs wird als Protagonist der Epoche den Namen „Ära Metternich“ eintragen.

In der Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte wird dieser Zeitraum dem Biedermeier oder der Romantik zugewiesen. Gerade die Kunst vermittelt oft das Bild behaglicher bürgerlicher Idylle und Postkutschenromantik.

Tatsächlich vollzieht sich in dem konservativen Staatssystem, das jede Form von Kritik und freiem Denken mit Unterdrückung und Verfolgung ahndet, ein Rückzug ins Private. Notgedrungen konzentriert sich der Bürger auf seine eigenen Belange, um unbehelligt und in Frieden leben zu können.

Nach der Ausrufung der französischen Republik kommt es auch im März 1848 in Südwestdeutschland zu ersten Unruhen, die bald ganz Deutschland erfassen. Überall finden Demonstrationen und Massenkundgebungen statt. Delegationen sprechen bei Fürsten oder in den Landtagen vor. Die soziale Not bewegt auch Arbeiter, Handwerker und Landarbeiter, sich der demokratischen und liberalen Bewegung anzuschließen.

Zu den zentralen Forderungen zählen die Abgeordnetenwahl und Mitregierung durch das Volk, Gleichheit aller Bürger, Presse-, Rede-, Kultus- und Versammlungsfreiheit sowie die Bildung eines deutschen Einheitsstaates. Am 18. Mai konstituiert sich in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung und nimmt die Beratungen für eine Reichsverfassung auf. Noch gibt es keine Parteien, doch die Abgeordneten schließen sich in Fraktionen zusammen.

Das Scheitern der Revolution

Von der Nationalversammlung zum Rumpfparlament

Die neu gewählte Nationalversammlung in Frankfurt wählt Heinrich von Gagern zu ihrem Präsidenten, sein Stellvertreter ist Alexander von Soiron. Erzherzog Johann von Österreich wird zum „Reichsverweser“ bestimmt, um die Reichsgeschäfte bis zur Verabschiedung einer endgültigen Verfassung zu führen.

Zum ersten Mal in der Geschichte hat Deutschland ein gewähltes Parlament – d. h. eine provisorische Regierung mit einem provisorischen Staatsoberhaupt. Vorrangigstes Ziel ist die Definition der Grundrechte und der Reichsverfassung. An der nationalen Einheit und dem Umgang mit wirtschaftlicher und sozialer Not scheiden sich die Geister: Die oft dem begüterten und gebildeten städtischen Bürgertum entstammenden Liberalen fordern den Einheitsstaat mit politischer Mitbestimmung, lehnen aber ein gleiches Wahlrecht für alle ab. Die Demokraten vertreten die ärmeren Schichten und verlangen eine Republik sowie gleiches Wahlrecht.

In Butzbach verfolgen die Anhänger Weidigs die Ereignisse mit Spannung. Den Idealen ihres Lehrers im Stillen treu geblieben, erwacht in dem einstigen „Anarchistennest“ der alte Kampfgeist schon mit den ersten Aufmärschen und Kundgebungen im Land. Die früheren Revolutionäre engagieren sich für die Volksbewaffnung mit der Aufstellung einer Bürgerwehr. Sensen werden gerade geschmiedet und Gewehre besorgt, es wird exerziert und probegeschossen.

Bereits im März 1848 veröffentlicht Valentin Kalbfleisch die erste Nummer des „Freien Stadt- und Landboten. Recht, Freiheit und Vaterland“. Es gründet sich ein demokratischer Volksverein, und Volksversammlungen zu politisch aktuellen Fragen finden regen Zulauf.

Aber bei den Kämpfen in Deutschlands Südwesten sind nur einzelne Butzbacher unter den Freischärlern: Die ungestümen Revolutionäre sind nun verantwortungsvolle Familienväter, die ein solches Wagnis nicht mehr auf sich nehmen wollen.

Im Rahmen der sogenannten „März-Zugeständnisse“ der Landesfürsten an die Aufständischen wird die Zensur aufgehoben. Die plötzliche Pressefreiheit führt zu einer Vielzahl von politischen Zeitschriften, Broschüren und Flugblättern. Die politische Karikatur erlebt eine ungeheure Blüte, allein die Sammlung A. W. Heil umfasst rund 650 Beispiele. Die Zahl der insgesamt veröffentlichten Einzelblätter ist weitaus höher gewesen, in ihrer Gesamtheit sind sie bis heute nicht lückenlos erfasst.

Die sogenannte Reproduktionsgraphik erreicht in kurzer Zeit hohe Auflagen, so dass die Blätter eine entsprechende Verbreitung finden. Abgesetzt werden die Blätter direkt bei den Verlegern, in Buch-, Kunst- und Graphikhandlungen oder auch über Straßenhändler, die sie direkt vor der Paulskirche anbieten.

Am 20. Juni 1848 fordert Kreisrat Küchler die Regierung auf, gegen die Demokraten, die sich besonders in Butzbach ganz wild gebärden, energisch vorzugehen. „Es wächst uns sonst die Anarchie über den Kopf.“

Doch was so hoffnungsvoll beginnt, findet mit der Wiedereinführung der Zensur im Frühjahr 1849 ein jähes und schmerzliches Ende.

Die Revolution scheitert an mehreren Umständen. Protestieren Bauer, Handwerker und Gelehrte erst gemeinsam gegen die Fürsten, so zerfallen sie nach dem Regierungssturz in mehrere Lager. Auch das junge Parlament streitet vergeblich um gemeinsame Positionen.

Die Großmächte Preußen und Österreich – anfangs von den revolutionären Ereignissen überrollt, blasen zur Konterrevolution. Die kaiserlichen Truppen erobern im Sommer 1848 Wien zurück, Preußen löst die Nationalversammlung im Dezember gewaltsam auf.

Die noch verbliebenen Abgeordneten – spöttisch als das „Rumpfparlament“ bezeichnet – verabschieden in einem letzten Aufbäumen in Stuttgart im März 1849 eine Reichsverfassung. Darin sprechen sie sich für eine kleindeutsche Lösung – ohne Österreich aus und bieten Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die Kaiserkrone in einer konstitutionellen Monarchie an. Dieser lehnt jedoch ab, weil er die Macht nicht mit einem Parlament teilen will!

Vom Patriot zum Freiheitskämpfer

Vom patriotischen Schwärmer …

In Weidigs Geburtsjahr 1791 tobt die Revolution in Frankreich. Als Napoleon sich 1804 zum „Kaiser der Franzosen“ krönt, ist Weidig 13 Jahre alt, mit 15 erlebt er das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die Gründung des Rheinbundes. Dieser Zusammenschluss deutscher Staaten – darunter auch Hessen-Darmstadt – mit Frankreich verpflichtet die deutsche Seite zu Truppenaushebungen für Napoleons Feldzüge gegen Preußen und Russland 1806/07, Spanien und Portugal 1808, Österreich 1809 und Russland 1812.

Zudem müssen die deutschen Staaten hohe Steuern aufbringen und wirtschaftliche Nachteile infolge der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre gegen Großbritannien hinnehmen. So regt sich bereits kurz nach der Gründung des Rheinbundes – zumindest in intellektuellen Kreisen – der Widerstand gegen die französische „Fremdherrschaft“.

Aufgrund der persönlichen Erfahrungen in seiner Jugendzeit entwickelt Weidig schon früh eine tiefe Abneigung gegen Napoleon und Frankreich, was zu patriotischen, zuweilen übertriebenen Schwärmereien für Deutschland führt.

Fasziniert von den national-patriotischen, teils nationalistischen Parolen Ernst Moritz Arndts, begeistert er sich bereits während seines Studiums für die Idee eines demokratischen und liberalen deutschen Einheitsstaates. Nicht zufällig wird er 1808 zum Schriftführer der Studentenschaft ernannt und verfasst 1809 eine Bittschrift auf Genehmigung einer studentischen Verbindung.

Weidigs Groll gegen die Franzosen basiert sicherlich auch auf eigenen Erfahrungen der seit 1792 als Eroberer und Besatzer auch in Hessen auftretenden Soldaten und folgenden Beamten der Revolutionsarmeen, die als „Fremdherrschaft“ empfunden werden. Seine Begeisterung für freiheitliche Ideen verfestigt sich noch unter dem Eindruck des brutal niedergeschlagenen Tiroler Volksaufstandes 1809 gegen die bayrisch-französische „Fremdherrschaft“ und der darauf folgenden Erschießung des als Freiheitskämpfer und Nationalheld verklärten Andreas Hofer 1810.

Die Bevölkerung dagegen steht überwiegend loyal zu Napoleon. Dies ändert sich erst mit dem Russlandfeldzug 1812, als die zwangsaufgestellten deutschen Truppenkontingente fast völlig aufgerieben werden.

Auf die Familie Weidig hatte schon der erste Napoleonische Krieg (1798/99- 1801/02) unmittelbare Auswirkungen: Der Reichdeputationshauptschluss regelt 1803 den Ausgleich zwischen den Staaten, die durch die Abtretung linksrheinischer Gebiete an Frankreich Verluste erleiden. Im Zuge dessen fällt das gemeinschaftliche Amt Cleeberg von der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt an die Grafschaft (seit 1806 Herzogtum) Nassau, und der landgräflich-hessische Förster Christian Ludwig Weidig (1765-1835) wird von Cleeberg nach Butzbach versetzt (als Oberförster der Hoch-Weiseler Mark). Für den 12-jährigen Friedrich, der sich später selbst als schüchtern bezeichnen wird, bedeutet dies den Verlust von Vertrautem und einen schwierigen Neubeginn.

Als Reaktion auf den desaströsen Russlandfeldzug finden sich zahlreiche Studenten in Burschenschaften zusammen, um mit patriotisch gesinnten Bürgern in Freiwilligeneinheiten und Freikorps an den Befreiungskriegen teilzunehmen.

Der Altphiliologe Friedrich Gottlieb Welcker, Professor an der Universität Gießen, Jugendfreund Weidigs und erklärter Gegner Napoleons, schließt sich 1814 mit über 100 Studenten einem Jägerbataillion an, um den „Kampf für Vaterland und Freiheit“ auszufechten.

Auch Weidigs jüngerer Bruder Johann und seine beiden Freunde – die radikal-liberalen Brüder Follen – sind unter den Freiwilligen. Ihr Kampf gegen Napoleon erübrigt sich zwar mit dessen Niederlage und Abdankung im Frühling 1814, doch bleiben die aufwühlenden Ereignisse nicht ohne Wirkung auf den jungen Konrektor in Butzbach und seine nationale und freiheitliche Überzeugung.

Sammlung A. W. Heil

Bedeutende politische Druckgrafik

Die Sammlung A. W. Heil gilt mit etwa 830 graphischen Einzelblättern und 300 Druckgraphiken in rund 2.500 Bibliothekarien als einer der „bedeutendsten Bestände politischer Druckgraphik zum deutschen Vormärz und zur Revolution 1848/49 […] und insbesondere an Literatur zum Weidig-Büchner-Kreis“ (Dr. + Thomas M. Meyer, Georg Büchner Gesellschaft e. V. und Forschungsstelle Georg Büchner, Marburg). Eines der wertvollsten Stücke ist das nur in einem Exemplar überlieferte Beiblatt „Wilde Rosen“ der 1848/49 in Gießen publizierten demokratischen Zeitung „Der jüngste Tag“. Zu den weiteren Raritäten zählen ein Band des „Jüngsten Tag“ mit den Ausgaben 102-209 aus dem Revolutionsjahr 1848, die in Frankfurt herausgegebene „Didaskalia. Blätter für Geist, Gemüth und Publizität“ sowie die Bände der in Michelstadt erschienenen Zeitung „Der Odenwälder“ der Jahrgänge 1846-1852.

Der Butzbacher Alexander Wilhelm Heil (1871-1952), Bäcker, Fabrikant, Politiker, Literat und Heimatforscher, aufgewachsen in einer sozialpolitisch engagierten Familie, erfährt während seiner Ausbildung in der Fremde die harten Arbeitsbedingungen im Bäckerhandwerk. Auch auf seiner dreijährigen Walz sammelt er „große Erfahrungen“ als Mensch, die ihn „zum Anwalt der sozial Schwächeren“ werden lassen.

Nach dem 1. Weltkrieg engagiert sich Heil politisch als „bürgerlicher Reformdemokrat“. Er übernimmt den Vorsitz der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in Butzbach und wird Mitglied des SPD-nahen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Als Gemeinderat setzt er sich ein für den sozialen Fortschritt und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

1924 scheidet Heil aus persönlichen Gründen aus der aktiven Politik aus und widmet sich dem Ausbau seiner Fabrik.

Es handelt sich hierbei um die Posaunen des Jüngsten Gerichts. „Die Posaunen des Jüngsten Gerichtes sind vielleicht das bekannteste Bildmotiv in Darstellungen der Endzeit.“ – vgl. https://sammlung.juedischesmuseum.de/objekt/die-posaunen-des-jungsten-gerichts/

A. W. Heils politische Grundhaltung als überzeugter Demokrat weckt nicht nur sein Interesse für Friedrich L. Weidig und die modernen Ideen des Vormärz sowie des Paulskirchenparlaments. Sie ist zugleich Inspiration und Motor für seine Sammeltätigkeit. Was mit der gezielten Erweiterung einer Familienbibliothek beginnt, ist heute eine von großer Kennerschaft zeugende Sammlung seltener Graphiken mitsamt einer umfangreichen Fachbibliothek. Heil unterhält Kontakte zu Antiquariaten, Bibliotheken sowie privaten Sammlern und erwirbt seine Stücke durch Kauf oder Tausch, zum überwiegenden Teil wohl in den 1920er und 30er Jahren.

Bis zum Erwerb durch die Stadt Butzbach 1989 ist die Sammlung die wichtigste ihrer Art in privatem Besitz. Sie bildet heute das Fundament und Herzstück des damals eingerichteten und seither kontinuierlich erweiterten Weidig-Forschungsarchivs.

Die politische Entwicklung in Deutschland ab 1933 verfolgt Heil mit Sorge. Aus Protest gegen die vorgesehene Ehrung von Prof. Dr. Ferdinand Werner als erstem hessischem Staatspräsidenten der NSDAP tritt er im April 1933 aus dem Butzbacher Geschichtsverein aus.

Heil hatte den Spitznamen „Der Demokrat“.

Die politische Gesinnung der Familie Heil ist auch dem Sicherheitsdienst der SS bekannt – sie seien keine Nazis, grüßten mit „Guten Tag“ und verkehrten mit Juden.

„Der alte Heil war Demokrat […]. Soziale Einstellung lässt zu wünschen übrig. Politische Einstellung vor 1933 ziemlich rot, heute noch nicht viel besser“ (aus dem Bericht des SD, 30. 06. 1936).

Nach dem 2. Weltkrieg kehrt Heil in die Lokalpolitik zurück. Er tritt 1945 der in Butzbach neu gegründeten CDU bei und wird Mitglied im Kreistag.

Zu seinem 80. Geburtstag 1951 würdigt die Butzbacher Zeitung den „aufrechten Demokraten“ als „eine der markantesten Persönlichkeiten“ der Stadt Butzbach.

Stadtmodell – Butzbach um 1832

Das Leben in Butzbach im Vormärz und die sozialen Spannungen in der Region.

Ein Fenster in die Vergangenheit

Dieses Modell zeigt die Stadt Butzbach im Maßstab 1:500, rekonstruiert nach dem sogenannten Braubach‘schen Plan. Es fängt einen entscheidenden Moment der Stadtgeschichte ein: die Zeit um 1832. Butzbach war noch stark von seiner mittelalterlichen Vergangenheit geprägt. Die Stadtmauer mit ihren Toren und Türmen umschloss den Stadtkern fast vollständig. In den folgenden Jahrzehnten musste die Mauer nach und nach neuen Gebäuden weichen. Zeitgleich änderte der Bau der Main-Weser Bahn das Aussehen der Stadt für immer.

Sicherlich erkennen Sie markante Fixpunkte wie das Landgrafenschloss und den Markplatz auf dem Modell wieder. Nehmen Sie sich Zeit und verschaffen Sie sich einen Überblick.

Ein revolutionäres Fundament

Das Modell zeigt das kompakte, überschaubare Butzbach, in dem Friedrich Ludwig Weidig lebte und sein Netzwerk aufbaute. Die dichte Bebauung und die kurzen Wege halfen bei seiner konspirativen Arbeit. Treffen ließen sich unauffällig arrangieren und Nachrichten sowie illegale Schriften schnell weitergeben. Weidigs Wohnhaus in der Langgasse grenzte an das Grundstück der Familie Braubach. Ihre Söhne waren Weidigs Schüler und in ihrer Scheune versteckten Weidig und seine Unterstützer das Manuskript des „Hessischen Landboten“. Das Modell ist also nicht nur eine historische Ansicht. Es zeigt auch, wie das mittelalterliche Straßennetz von Butzbach die gefährliche Arbeit Weidigs vereinfachte.

Wiener Kongress und Butzbach

Vom Wiener Kongress zum Blutbad von Södel

Nach der Niederlage Napoleons in den Befreiungskriegen (1813-1815) werden die Grenzen in Europa im Wiener Kongress 1814 / 1815 neu definiert, und die deutschen Staaten schließen sich zum Deutschen Bund zusammen. Die Staatsgewalt fast aller Mitglieder liegt – wie vor der französischen Revolution 1789 – in der Hand von Monarchisten. Dieser Rückgriff auf das Herrschaftsprinzip des Absolutismus provoziert ein liberales Aufbegehren: Freiheitliche Ideen und die Forderung nach einem deutschen Nationalstaat stellen sich gegen das Bündnis. Vor allem links des Rheins regt sich der Unmut: Die zuvor französischen Gebiete sind wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich modern geprägt und fürchten nun um diese Errungenschaften. Die Unterdrückung des Volkes bereitet den Boden für radikale Positionen, die auch den politischen Mord als legitimes Mittel sehen.

Die Karlsbader Beschlüsse (1819) und die Wiener Schlussakte (1820) schaffen die gesetzlichen Grundlagen, um bürgerliche Freiheiten und politische Aktivitäten zu beschränken und unter Strafe zu stellen. Steigende politische Unterdrückung, Beobachtung der Universitäten, zudem die unter harten Steuern und Hunger leidende Bevölkerung schaffen ein Klima breiter Unzufriedenheit. Ermutigt durch die Julirevolution 1830 in Paris und das Überspringen des Funkens auf Polen und Belgien, rotten sich in etlichen deutschen Staaten wütende Menschen zusammen. Im September 1830 verwüsten Aufständische im kurhessischen Hanau (Hessen-Kassel) das Zollhaus. Zur Niederschlagung der Unruhen im Großherzogtum Hessen sind Truppen eingesetzt. Auch die Dragoner des Butzbacher Leibregiments rücken aus und verschulden in Södel und Wölfersheim das sogenannte Blutbad von Södel.

Dr. Friedrich Ludwig Weidig – Ein Leben für Demokratie und Freiheit (1791-1837)

In der frühen deutschen Demokratiebewegung nimmt die Kleinstadt Butzbach eine herausragende Stellung ein: Hier lebt und wirkt Dr. Friedrich Ludwig Weidig als Pädagoge, Theologe, Demokrat und Freiheitskämpfer.

Weidig wird am 15. Februar 1791 in Oberkleen (heute Gemeinde Langgöns) geboren. Als Zwölfjähriger kommt er mit seiner Familie nach Butzbach und besucht die hiesige Schule. Das Studium der Theologie in Gießen von 1808 bis 1811 beendet er mit dem Universitätsexamen. 1812 tritt er als Konrektor der Butzbacher Knabenschule in den Schuldienst. Den philosophischen Doktorgrad erwirbt Weidig als Externer 1822 mit einer Arbeit über den Dramatiker Vittorio Alfieri, einen überzeugten Verfechter republikanischer Freiheitsgedanken.

Erst mit der Ernennung zum Rektor 1826 kann Weidig 1827 seine Cousine Amalie Hofmann aus Hungen heiraten. Das junge Paar zieht in die Langgasse. 1828 wird der Sohn Wilhelm geboren.

Kam der Patriotismus gegen Napoleon den deutschen Fürsten noch gelegen, so gilt ihnen nun der patriotische Ruf nach nationaler Einheit und politischer Freiheit als gefährliche und zu bekämpfende Entwicklung, weil sie ihrem Streben nach möglichst großer eigener partikularer Souveränität entgegensteht.

Schon als Student in Gießen begeistert sich Weidig für die patriotischen Ideen des Schriftstellers und Historikers Ernst Moritz Arndt. In Anlehnung an die von den Brüdern August Adolf und Karl Follen im Sinne Arndts in Gießen eingerichtete „Teutsche Lesegesellschaft (zur Erreichung vaterländisch-wissenschaftlicher Zwecke“) gründet Weidig mit weiteren intellektuell geschulten Bürgern 1814 in Butzbach die „Teutsche Gesellschaft“ und wird ihr Schriftführer. Der 1. Pfarrer und Schulinspektor Johann Carl Christoph Steinberger tritt aus der Gesellschaft aus und bezichtigt sie öffentlich als, „Jacobiner-Club“, nennt Weidig „einen kleinen Robespierre“. Daraufhin wird Weidig wegen „demagogischer Umtriebe“ von der „Zentralkommission zur Untersuchung hochverräterischer Umtriebe“ in Mainz verhört, findet bei Weidig durch die Polizei eine Haussuchung statt, die ergebnislos bleibt. Zur Verurteilung kommt es nicht, Weidig bleibt aber fortan unter geheimpolizeilicher Überwachung. Inspektor Steinberger hat später bereut, öffentlich solche folgenschwere Verdächtigungen zu haben. Ab 1818 werden mehrere – letztlich jedoch erfolglose – Verfahren wegen „politischer Irrlehren“ gegen ihn angestrengt.

Der Pädagoge Weidig baut rasch ein herzliches Verhältnis zu seinen Schülern auf. Mit modernen Lehrmethoden hebt er das Bildungsniveau auf einen mustergültigen Stand, die Butzbacher Schule genießt binnen kurzem einen ausgezeichneten Ruf.

Auf dem Schrenzer gründet Weidig nach dem Vorbild des sog. Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn den ersten Turnplatz in Hessen. Hier führt er unter dem Eindruck der napoleonischen Befreiungskriege (nach der Völkerschlacht von Leipzig) um 1814 das Schüler-Exerzieren mit hölzernen Säbeln und Gewehren ein. – Die „Schmach der französischen Fremdherrschaft“ soll mit einer starken „vaterlandsliebenden Jugend“ getilgt, eine Wiederholung verhindert werden.

Die Obrigkeit verfolgt das „politische Turnen“ mit Argwohn – der junge, engagierte Schulmann gerät auch dadurch schon bald ins Visier der Behörden …

Ungeachtet dessen vertritt er unbeugsam seine oppositionelle Haltung – im Unterricht wie auf der Kanzel. Seinen Schülern und Freunden erzählt er auf dem Schrenzer aus der Geschichte der Germanen und Deutschen, rezitiert Gedichte, auch eigene, und singt Freiheitslieder mit ihnen. So entsteht eine „Butzbacher Freiheitsbewegung“ um den großen Demokraten.

Mit seiner steten Forderung trägt Weidig dazu bei, dass 1820 eine (aufgrund der von Oppositionellen geäußerten Kritikpunkte schon einmal verbesserten) Verfassung im Großherzogtum verabschiedet wird, die letztlich aber hinter den Hoffnungen der politisch aktiven und kritischen Bevölkerungskreise zurückbleibt. Doch Kritik und freie Gedanken werden seit den Karlsbader Beschlüssen (1819) zunehmend erstickt. Sogar allgemein anerkannte Respektspersonen wie Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Friedrich Schleiermacher werden Repressalien angedroht! So agiert Weidig besonders vorsichtig, schützt sich z.B., indem er kritische Artikel aus seiner Feder in den liberalen Blättern (in Wirths „Tribüne“ oder in der „Hanauer Zeitung“) anonym erscheinen lässt. Gelegentlich nimmt er auch gerne vielsagende Pseudonyme an („Freimund Hesse“ oder „Ch. S. Frei. Philadelphia“)

Stadtmodell Butzbach 1832

Rekonstruktionsversuch im Maßstab 1 : 500

Auf der Grundlage des sog. Braubachschen Planes ist die Stadt ist vor dem Bau der Main-Weser-Bahn (1846-1850) dargestellt. Zu dieser Zeit existieren noch die meisten der aus dem Mittelalter überkommenen steinernen Befestigungsanlagen – im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die mittelalterlichen Tore und Teile der Stadtmauer nieder-gelegt. Auch die älteren Hospitalgebäude südlich vor der Stadt sind noch nicht abgebrochen.

Die topographischen Elemente wie das ehem. Landgrafenschloss, das Solmser Schloss, die Markuskirche und die Wendelinkapelle sind auch heute vorhanden und erleichtern eine Identifizierung in der historischen Umgebung.

Insgesamt vermittelt das Modell einen plastischen Gesamteindruck der Stadt Butzbach zu der Zeit, als Dr. Friedrich Ludwig Weidig als Rektor der hiesigen Knabenschule wirkte.

Amalie und Friedrich – Ein politisches Ehepaar

Die Rolle seiner Frau Amalie und die ständige Bedrohung durch die Polizei.

Herkunft und frühes Engagement

Das Privatleben Friedrich Ludwig Weidigs war von seinem politischen Engagement und den damit verbundenen Repressionen geprägt. Er wurde am 15. Februar 1791 als Alexander Friedrich Ludwig Weidig in Oberkleen (bei Langgöns) geboren und kam als Zwölfjähriger nach Butzbach. Nach dem Theologiestudium in Gießen wurde Weidig 1812 Konrektor der Butzbacher Knabenschule. 1826 erfolgte die Ernennung zum Rektor. Schon zu dieser Zeit geriet er wegen seiner politischen Einstellung ins Visier der Behörden und wurde überwacht.

Gemeinsamer politischer Einsatz

Als Rektor hatte Weidig ein sicheres Einkommen und konnte mit 36 Jahren seine Cousine Amalie Hofmann heiraten. Das Paar zog in die Langgasse und gründete eine Familie: 1828 wurde Sohn Wilhelm geboren. Die folgenden Jahre waren geprägt vom gemeinsamen politischen Einsatz und der ständigen Angst vor Entdeckung – belastende Lebensumstände für eine junge Familie.

Amalie Weidig war eine aktive Mitstreiterin der vor-revolutionären Bewegung in Butzbach. Im Vorstand des Wetterauer Frauen-Vereins engagierte sie sich sehr für die Unterstützung der polnischen Freiheitskämpfer, die nach dem gescheiterten Polnischen Aufstand ins Exil flohen.

Eine zerrissene Familie

Kurz nach Weidigs Verhaftung 1835 wurde die Tochter Amalie Friedegard geboren. Weidigs Inhaftierung und Amalie Weidigs vergeblicher Versuch, seine Haftentlassung zu erreichen, setzten ihr psychisch zu. Nach seinem Tod 1837 stand sie mit zwei kleinen Kindern mittellos da. Amalie Weidig starb nur zwei Jahre später mit 42 Jahren. Die beiden Waisenkinder wurden von Weidigs Bruder Karl in Homberg (Ohm) aufgenommen.

Dr. Friedrich Ludwig Weidig – Ein Leben für Demokratie und Freiheit (1791-1837)

In der frühen deutschen Demokratiebewegung nimmt die Kleinstadt Butzbach eine herausragende Stellung ein: Hier lebt und wirkt Dr. Friedrich Ludwig Weidig als Pädagoge, Theologe, Demokrat und Freiheitskämpfer.

Weidig wird am 15. Februar 1791 in Oberkleen (heute Gemeinde Langgöns) geboren. Als Zwölfjähriger kommt er mit seiner Familie nach Butzbach und besucht die hiesige Schule. Das Studium der Theologie in Gießen von 1808 bis 1811 beendet er mit dem Universitätsexamen. 1812 tritt er als Konrektor der Butzbacher Knabenschule in den Schuldienst. Den philosophischen Doktorgrad erwirbt Weidig als Externer 1822 mit einer Arbeit über den Dramatiker Vittorio Alfieri, einen überzeugten Verfechter republikanischer Freiheitsgedanken.

Erst mit der Ernennung zum Rektor 1826 kann Weidig 1827 seine Cousine Amalie Hofmann aus Hungen heiraten. Das junge Paar zieht in die Langgasse. 1828 wird der Sohn Wilhelm geboren.

Kam der Patriotismus gegen Napoleon den deutschen Fürsten noch gelegen, so gilt ihnen nun der patriotische Ruf nach nationaler Einheit und politischer Freiheit als gefährliche und zu bekämpfende Entwicklung, weil sie ihrem Streben nach möglichst großer eigener partikularer Souveränität entgegensteht.

Schon als Student in Gießen begeistert sich Weidig für die patriotischen Ideen des Schriftstellers und Historikers Ernst Moritz Arndt. In Anlehnung an die von den Brüdern August Adolf und Karl Follen im Sinne Arndts in Gießen eingerichtete „Teutsche Lesegesellschaft (zur Erreichung vaterländisch-wissenschaftlicher Zwecke“) gründet Weidig mit weiteren intellektuell geschulten Bürgern 1814 in Butzbach die „Teutsche Gesellschaft“ und wird ihr Schriftführer. Der 1. Pfarrer und Schulinspektor Johann Carl Christoph Steinberger tritt aus der Gesellschaft aus und bezichtigt sie öffentlich als, „Jacobiner-Club“, nennt Weidig „einen kleinen Robespierre“. Daraufhin wird Weidig wegen „demagogischer Umtriebe“ von der „Zentralkommission zur Untersuchung hochverräterischer Umtriebe“ in Mainz verhört, findet bei Weidig durch die Polizei eine Haussuchung statt, die ergebnislos bleibt. Zur Verurteilung kommt es nicht, Weidig bleibt aber fortan unter geheimpolizeilicher Überwachung. Inspektor Steinberger hat später bereut, öffentlich solche folgenschwere Verdächtigungen zu haben. Ab 1818 werden mehrere – letztlich jedoch erfolglose – Verfahren wegen „politischer Irrlehren“ gegen ihn angestrengt.

Der Pädagoge Weidig baut rasch ein herzliches Verhältnis zu seinen Schülern auf. Mit modernen Lehrmethoden hebt er das Bildungsniveau auf einen mustergültigen Stand, die Butzbacher Schule genießt binnen kurzem einen ausgezeichneten Ruf.

Auf dem Schrenzer gründet Weidig nach dem Vorbild des sog. Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn den ersten Turnplatz in Hessen. Hier führt er unter dem Eindruck der napoleonischen Befreiungskriege (nach der Völkerschlacht von Leipzig) um 1814 das Schüler-Exerzieren mit hölzernen Säbeln und Gewehren ein. – Die „Schmach der französischen Fremdherrschaft“ soll mit einer starken „vaterlandsliebenden Jugend“ getilgt, eine Wiederholung verhindert werden.

Die Obrigkeit verfolgt das „politische Turnen“ mit Argwohn – der junge, engagierte Schulmann gerät auch dadurch schon bald ins Visier der Behörden …

Ungeachtet dessen vertritt er unbeugsam seine oppositionelle Haltung – im Unterricht wie auf der Kanzel. Seinen Schülern und Freunden erzählt er auf dem Schrenzer aus der Geschichte der Germanen und Deutschen, rezitiert Gedichte, auch eigene, und singt Freiheitslieder mit ihnen. So entsteht eine „Butzbacher Freiheitsbewegung“ um den großen Demokraten.

Mit seiner steten Forderung trägt Weidig dazu bei, dass 1820 eine (aufgrund der von Oppositionellen geäußerten Kritikpunkte schon einmal verbesserten) Verfassung im Großherzogtum verabschiedet wird, die letztlich aber hinter den Hoffnungen der politisch aktiven und kritischen Bevölkerungskreise zurückbleibt. Doch Kritik und freie Gedanken werden seit den Karlsbader Beschlüssen (1819) zunehmend erstickt. Sogar allgemein anerkannte Respektspersonen wie Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Friedrich Schleiermacher werden Repressalien angedroht! So agiert Weidig besonders vorsichtig, schützt sich z.B., indem er kritische Artikel aus seiner Feder in den liberalen Blättern (in Wirths „Tribüne“ oder in der „Hanauer Zeitung“) anonym erscheinen lässt. Gelegentlich nimmt er auch gerne vielsagende Pseudonyme an („Freimund Hesse“ oder „Ch. S. Frei. Philadelphia“).

Pädagoge und Revolutionär – Eine Generation formen

Weidigs revolutionäre Lehrmethoden und sein Einfluss auf seine Schüler in Butzbach.

Erziehung zur Mündigkeit

Friedrich Ludwig Weidigs revolutionäres Wirken begann im Klassenzimmer. An der Butzbacher Knabenschule prägte er Generationen von Schülern. Seine Lehrmethoden waren in vielen Punkten sehr fortschrittlich. Er vermittelte die Inhalte anschaulich und motivierte die Schüler zum Mitmachen. So förderte er gezielt die besonders Begabten. Er wollte nicht nur Wissen vermitteln, sondern die Jungen zu mündigen und kritischen Bürgern erziehen. Seine hohen Ansprüche konnten jedoch nicht alle erfüllen. Methoden wie körperliche Strafen setzte Weidig nach eigenen Angaben nur bei schwerwiegendem Fehlverhalten ein.

Anerkennung und Verdacht

Seine Arbeit als Lehrer fand weithin Anerkennung. Unter seiner Leitung erwarb die Butzbacher Schule einen hervorragenden Ruf, der weit über die Stadtgrenzen hinausreichte. Nicht alle teilten diese Begeisterung. Die Behörden verdächtigten ihn schon früh, die Jugend im Sinne oppositioneller Ideen zu unterrichten und stuften ihn als Demagogen ein.

Vom Schüler zum Mitstreiter

Denn Weidigs Unterricht hatte immer eine politische Ausrichtung. Er förderte bei seinen Schülern die Bildung einer eigenen Meinung und lehrte sie die Geschichte eines freien, geeinten Deutschlands. Im Klassenzimmer wurde das Fundament seines späteren Netzwerks gelegt. Die jungen Männer, die in Weidigs Unterricht die Ideale von Freiheit und Mündigkeit verinnerlichten, wurden zu seinen loyalsten und mutigsten Mitstreitern. Sie bildeten eine Keimzelle des politischen Widerstands in der Wetterau.

Dr. Friedrich Ludwig Weidig – Ein Leben für Demokratie und Freiheit (1791-1837)

In der frühen deutschen Demokratiebewegung nimmt die Kleinstadt Butzbach eine herausragende Stellung ein: Hier lebt und wirkt Dr. Friedrich Ludwig Weidig als Pädagoge, Theologe, Demokrat und Freiheitskämpfer.

Weidig wird am 15. Februar 1791 in Oberkleen (heute Gemeinde Langgöns) geboren. Als Zwölfjähriger kommt er mit seiner Familie nach Butzbach und besucht die hiesige Schule. Das Studium der Theologie in Gießen von 1808 bis 1811 beendet er mit dem Universitätsexamen. 1812 tritt er als Konrektor der Butzbacher Knabenschule in den Schuldienst. Den philosophischen Doktorgrad erwirbt Weidig als Externer 1822 mit einer Arbeit über den Dramatiker Vittorio Alfieri, einen überzeugten Verfechter republikanischer Freiheitsgedanken.

Erst mit der Ernennung zum Rektor 1826 kann Weidig 1827 seine Cousine Amalie Hofmann aus Hungen heiraten. Das junge Paar zieht in die Langgasse. 1828 wird der Sohn Wilhelm geboren.

Kam der Patriotismus gegen Napoleon den deutschen Fürsten noch gelegen, so gilt ihnen nun der patriotische Ruf nach nationaler Einheit und politischer Freiheit als gefährliche und zu bekämpfende Entwicklung, weil sie ihrem Streben nach möglichst großer eigener partikularer Souveränität entgegensteht.

Schon als Student in Gießen begeistert sich Weidig für die patriotischen Ideen des Schriftstellers und Historikers Ernst Moritz Arndt. In Anlehnung an die von den Brüdern August Adolf und Karl Follen im Sinne Arndts in Gießen eingerichtete „Teutsche Lesegesellschaft (zur Erreichung vaterländisch-wissenschaftlicher Zwecke“) gründet Weidig mit weiteren intellektuell geschulten Bürgern 1814 in Butzbach die „Teutsche Gesellschaft“ und wird ihr Schriftführer. Der 1. Pfarrer und Schulinspektor Johann Carl Christoph Steinberger tritt aus der Gesellschaft aus und bezichtigt sie öffentlich als, „Jacobiner-Club“, nennt Weidig „einen kleinen Robespierre“. Daraufhin wird Weidig wegen „demagogischer Umtriebe“ von der „Zentralkommission zur Untersuchung hochverräterischer Umtriebe“ in Mainz verhört, findet bei Weidig durch die Polizei eine Haussuchung statt, die ergebnislos bleibt. Zur Verurteilung kommt es nicht, Weidig bleibt aber fortan unter geheimpolizeilicher Überwachung. Inspektor Steinberger hat später bereut, öffentlich solche folgenschwere Verdächtigungen zu haben. Ab 1818 werden mehrere – letztlich jedoch erfolglose – Verfahren wegen „politischer Irrlehren“ gegen ihn angestrengt.

Der Pädagoge Weidig baut rasch ein herzliches Verhältnis zu seinen Schülern auf. Mit modernen Lehrmethoden hebt er das Bildungsniveau auf einen mustergültigen Stand, die Butzbacher Schule genießt binnen kurzem einen ausgezeichneten Ruf.

Auf dem Schrenzer gründet Weidig nach dem Vorbild des sog. Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn den ersten Turnplatz in Hessen. Hier führt er unter dem Eindruck der napoleonischen Befreiungskriege (nach der Völkerschlacht von Leipzig) um 1814 das Schüler-Exerzieren mit hölzernen Säbeln und Gewehren ein. – Die „Schmach der französischen Fremdherrschaft“ soll mit einer starken „vaterlandsliebenden Jugend“ getilgt, eine Wiederholung verhindert werden.

Die Obrigkeit verfolgt das „politische Turnen“ mit Argwohn – der junge, engagierte Schulmann gerät auch dadurch schon bald ins Visier der Behörden …

Ungeachtet dessen vertritt er unbeugsam seine oppositionelle Haltung – im Unterricht wie auf der Kanzel. Seinen Schülern und Freunden erzählt er auf dem Schrenzer aus der Geschichte der Germanen und Deutschen, rezitiert Gedichte, auch eigene, und singt Freiheitslieder mit ihnen. So entsteht eine „Butzbacher Freiheitsbewegung“ um den großen Demokraten.

Mit seiner steten Forderung trägt Weidig dazu bei, dass 1820 eine (aufgrund der von Oppositionellen geäußerten Kritikpunkte schon einmal verbesserten) Verfassung im Großherzogtum verabschiedet wird, die letztlich aber hinter den Hoffnungen der politisch aktiven und kritischen Bevölkerungskreise zurückbleibt. Doch Kritik und freie Gedanken werden seit den Karlsbader Beschlüssen (1819) zunehmend erstickt. Sogar allgemein anerkannte Respektspersonen wie Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Friedrich Schleiermacher werden Repressalien angedroht! So agiert Weidig besonders vorsichtig, schützt sich z.B., indem er kritische Artikel aus seiner Feder in den liberalen Blättern (in Wirths „Tribüne“ oder in der „Hanauer Zeitung“) anonym erscheinen lässt. Gelegentlich nimmt er auch gerne vielsagende Pseudonyme an („Freimund Hesse“ oder „Ch. S. Frei. Philadelphia“).

Das Wohnhaus der Familie Weidig (rechte Haushälfte) in der Langgasse, späteres Stammhaus der Butzbacher Zeitung, Aufnahme um 1980

… zum radikalen Freiheitskämpfer

Napoleons Abdankung weckt große Erwartungen auf ein erneuertes geeintes und politisch liberales Deutschland. Im „Siegestaumel“ gründen sich – dem Vorbild Arndts folgend – vielerorts die sog. „Deutschen Gesellschaften“ zur Pflege des Deutschtums. Um die Brüder Follen entsteht in Gießen die wohl radikalste studentische Vereinigung, die „Schwarzen“, die sich schwarz mit Rock und Barett kleiden. In Butzbach ist Weidig maßgeblich an der Gründung der „Deutschen Gesellschaft“ beteiligt (1814), deren Statuten er nach Arndts Ideen ausrichtet. Vom gleichen Geist inspiriert sind die Zusammenkünfte auf dem Schrenzer, wo Weidig seinen Zuhörern aus der großen deutschen Geschichte erzählt und Freiheitslieder singt. Sein tiefer Patriotismus trägt unzweifelhaft kämpferische Züge, wenn seine Schüler mit hölzernen Waffen üben, um mit vereinter Kraft „jede fernere fremde Unterdrückung abzuwehren“.

Vehement drängt Weidig auf eine Verfassung mit parlamentarischer Volksvertretung im Großherzogtum, so wie alle Staaten des Deutschen Bundes es bereits bei dessen Gründung zugesichert hatten. Somit ist es auch sein Verdienst, als diese 1820 endlich ratifiziert wird – wenngleich sie weit hinter den Forderungen der Demokraten zurückbleibt.

Seine Schüler erzieht Weidig zu politisch denkenden, vaterlandsliebenden Menschen, die an ein starkes, freies und geeintes Deutschland glauben – weshalb die Mainzer Untersuchungsbehörde den Schulmann mit Argwohn verfolgt und ihm unterstellt, dass er die Butzbacher Jugend in „Demagogik“ unterrichte.

Davon unbeirrt kämpft Weidig aus Überzeugung, teils offen und provokativ, für Demokratie und Liberalismus. Die stetige Regulierung und Unterdrückung aller oppositionellen Strömungen drängt diese jedoch in die Kriminalität und führt zwangsläufig zu einer Radikalisierung.

Die Gründung des Deutschen Bundes mit der Wiedereinführung der Monarchie zerschlägt alle Hoffnungen auf einen demokratischen Einheitsstaat. Auch Weidig ist von der Entwicklung im Großherzogtum tief enttäuscht. Unter seinem Einfluss wandelt sich die Butzbacher „Deutsche Gesellschaft“ von der patriotischen zur politisch radikalen Vereinigung. Offen fordert er, dass kein Offizier der Butzbacher Garnison Mitglied der Gesellschaft werden dürfe, da sie alle Knechte und Söldner der Regierung seien.

In der Wahl ihrer Kleidung folgen die „Deutschen Gesellschaften“ nicht einer kurzlebigen Mode, die „altdeutsche Tracht“ ist vielmehr ein „Programm“ und Ausdruck einer politischen Überzeugung, die ihre Anhänger geradezu trotzig vertreten. Allein deswegen behalten die Behörden Weidig und seine Gesinnungsgenossen im Auge.

So hält Weidigs Studienfreund Karl Follen eine politisch motivierte Straftat für ge- recht, wenn sie in guter Absicht erfolge: Auch habe das Volk das Recht, sich durch „Tyrannenmord“ zu befreien, wenn ihm andere Möglichkeiten versagt blieben.

Der vergebliche Versuch, freiheitliche Vorstellungen auf legalem Weg zu ver- wirklichen, bestärkt auch Weidig in der Überzeugung, dass seine Ziele nur aus dem Untergrund zu erstreiten sind – teils mit radikalen Mitteln. Daher findet der gewaltsame Sturm auf die Frankfurter Wachen anfangs seine Zustimmung. Er steht in engem Kontakt mit den Organisatoren, distanziert sich jedoch zuletzt von dem geplanten Auf- stand, den er als ein schlecht vorbereitetes „Bubenstück“ bezeichnet!

Am Ende sieht Weidig im konspirativen Widerstand einen Akt der Notwehr, und den Meineid versteht er als ein legitimes Mittel zur Selbstverteidigung.

Weidigs Umkreis – Schüler, Freunde, Mitverschworene

Friedrich Ludwig Weidig ist ein hochintelligenter Mann. Er besitzt eine breite Bildung, interessiert sich für Naturwissenschaften und ist aufgeschlossen für technische Neuerungen. Sein Ziel, die eigene Wissbegierde und Begeisterung an seine Schüler weiter- zugeben, erreicht er mit progressiven, geradezu antiautoritären Methoden: Ohne Strenge und Züchtigung mit dem Rohrstock, sondern allein mit Liebe, Geschick und Fleiß gelingt es Weidig, seine Schüler zu besten Leistungen anzuspornen.

So erwirbt er sich rasch den Ruf, ein ausgezeichneter Pädagoge zu sein. Er versteht es, seine Schule auf ein Niveau zu heben, das „nur wenig hinter dem Ideal einer vollendeten Bürgerschule zurückbleibt“, berichtet sein Vorgesetzter Pfarrer Steinberger 1823 dem Großherzoglich-Hessischen Kirchen- und Schulrat der Provinz Oberhessen.

Bis zu seiner Strafversetzung im Herbst 1834 nach Obergleen bei Alsfeld prägt Weidig viele Butzbacher Schülergenerationen.

Auch über ihre Schulzeit hinaus halten etliche junge Männer freundschaftliche Bande zu ihrem Lehrer, mehr noch, sie sind seine Verbündeten und Teil eines Netzwerkes, das sein politisches – teils konspiratives – Wirken unterstützt. Einer der engsten Vertrauten ist sein früherer Schüler Carl Zeuner. Der Sattler und Spritzenmacher ist in alle geheimen Pläne und Unternehmungen Weidigs eingebunden, mehr noch: Das Haus der Familie Zeuner ist ein konspirativer Treffpunkt, dort werden Flüchtige vor der Polizei versteckt, Büchner selbst übernachtet hier zwei Mal im August 1834.

Weidigs oppositionelles und geheimes Wirken stützt sich ganz maßgeblich auf die Mitwirkung seiner Schüler, und viele seiner Aktivitäten wären ohne deren Zu- tun wohl so nicht zustande gekommen.

Das Schülerexerzieren im Freien ist eine angenehme Abwechslung zum Unterricht – Weidig erfüllt so den natürlichen Drang nach Bewegung einer sonst aufs Stillsitzen gedrillten Jugend. Zudem entwickelt sich ein starkes Gefühl der Kameradschaft, wenn Weidig – weniger als Schulmann, denn als Freund bei den gemeinsamen Wanderungen, u.a. bis auf den Großen Feldberg, und Zusammenkünften auf dem Schrenzer seinen Anhängern Geschichten erzählt und mit ihnen revolutionäre Lieder (Freiheitslieder) anstimmt.

Weidig erzieht seine Schüler zu Toleranz und Respekt. Er formt sie zu mündigen Bürgern, ermutigt sie zu einer eigenen Meinung und bestärkt sie darin, das Übliche zu hinterfragen oder sich zu widersetzen. Es mag kaum verwundern, wenn unter diesem Pädagogen eine selbstbewusste Generation heran- wächst, die ihren Lehrer geradezu verehrt und für ihn durchs Feuer geht.

Mit dem Verbot aller liberalen Zeitungen im Großherzogtum Hessen 1834 werden Weidigschüler zu unentbehrlichen Helfern bei der Herausgabe von unzensierten Geheimschriften. Weitgehend unbehelligt von den Polizeiorganen – weil unverdächtig – bringen die älteren unter ihnen die handgeschriebenen Vorlagen zu den illegalen Druckereien, sie holen die fertigen Flugblätter auch wieder ab und sind bei ihrer Verteilung involviert. Diesem Schülerkreis entstammen die engsten Mitverschworenen, die noch nach dem Tode Weidigs an seinen – bzw. ihren – Grundsätzen festhalten. Viele geraten so ins Visier der Justiz, werden zu Kerkerhaft verurteilt oder müssen ins Ausland fliehen. Erst 1848/49 – nach der Märzrevolution – können sich die Weidig-Anhänger, von denen die „Mehrzahl zu den bestgestählten Demokraten im Hessenlande“ gehört (Wilhelm Schulz), zu ihrer politischen Überzeugung bekennen.

Der Turnpionier – Politik in Bewegung

Die patriotische Turnbewegung und der Butzbacher Schrenzer als politischer Treffpunkt.

Die patriotische Turnbewegung

Für Friedrich Ludwig Weidig waren politische Bildung und körperliches Training eng verbunden. Inspiriert vom „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn gründete Weidig um 1814 auf dem Butzbacher Schrenzer einen der ersten Turnplätze in Hessen. Die Turnbewegung war aus dem Geist der Befreiungskriege gegen Napoleon entstanden. Sie verfolgte das Ziel, eine patriotische und wehrhafte Jugend zu erziehen, welche die französische Fremdherrschaft abwerfen würde. Von Beginn an war das Turnen sehr politisch und verband den nationalen Wunsch nach einem deutschen Staat mit körperlicher Stärke. Die Turnbewegung war mit den Burschenschaften verbunden, die auf dem Wartburgfest 1817 zum ersten Mal öffentlich einen deutschen Nationalstaat forderten.

Der Schrenzer als Klassenraum

Das Turnen auf dem Schrenzer war mehr als nur Sport. Die Turner führten auch militärische Übungen durch und trainierten mit hölzernen Säbeln und Gewehren. Der Turnplatz wurde zu einem zentralen Treffpunkt für Weidig und seine Schüler. Hier erzählte er Geschichten aus der deutschen Vergangenheit, rezitierte freiheitliche Gedichte und sang mit ihnen revolutionäre Lieder. Diese gemeinsamen Erlebnisse schufen ein starkes Band der Kameradschaft und Loyalität. Die Behörden allerdings beobachteten das Turnen in Butzbach mit Misstrauen. Sie erkannten, dass Weidig unter dem Deckmantel der Leibesübungen einen Raum für verbotenes politisches Denken geschaffen hatte.

Dr. Friedrich Ludwig Weidig – Ein Leben für Demokratie und Freiheit (1791-1837)

In der frühen deutschen Demokratiebewegung nimmt die Kleinstadt Butzbach eine herausragende Stellung ein: Hier lebt und wirkt Dr. Friedrich Ludwig Weidig als Pädagoge, Theologe, Demokrat und Freiheitskämpfer.

Weidig wird am 15. Februar 1791 in Oberkleen (heute Gemeinde Langgöns) geboren. Als Zwölfjähriger kommt er mit seiner Familie nach Butzbach und besucht die hiesige Schule. Das Studium der Theologie in Gießen von 1808 bis 1811 beendet er mit dem Universitätsexamen. 1812 tritt er als Konrektor der Butzbacher Knabenschule in den Schuldienst. Den philosophischen Doktorgrad erwirbt Weidig als Externer 1822 mit einer Arbeit über den Dramatiker Vittorio Alfieri, einen überzeugten Verfechter republikanischer Freiheitsgedanken.

Erst mit der Ernennung zum Rektor 1826 kann Weidig 1827 seine Cousine Amalie Hofmann aus Hungen heiraten. Das junge Paar zieht in die Langgasse. 1828 wird der Sohn Wilhelm geboren.

Kam der Patriotismus gegen Napoleon den deutschen Fürsten noch gelegen, so gilt ihnen nun der patriotische Ruf nach nationaler Einheit und politischer Freiheit als gefährliche und zu bekämpfende Entwicklung, weil sie ihrem Streben nach möglichst großer eigener partikularer Souveränität entgegensteht.

Schon als Student in Gießen begeistert sich Weidig für die patriotischen Ideen des Schriftstellers und Historikers Ernst Moritz Arndt. In Anlehnung an die von den Brüdern August Adolf und Karl Follen im Sinne Arndts in Gießen eingerichtete „Teutsche Lesegesellschaft (zur Erreichung vaterländisch-wissenschaftlicher Zwecke“) gründet Weidig mit weiteren intellektuell geschulten Bürgern 1814 in Butzbach die „Teutsche Gesellschaft“ und wird ihr Schriftführer. Der 1. Pfarrer und Schulinspektor Johann Carl Christoph Steinberger tritt aus der Gesellschaft aus und bezichtigt sie öffentlich als, „Jacobiner-Club“, nennt Weidig „einen kleinen Robespierre“. Daraufhin wird Weidig wegen „demagogischer Umtriebe“ von der „Zentralkommission zur Untersuchung hochverräterischer Umtriebe“ in Mainz verhört, findet bei Weidig durch die Polizei eine Haussuchung statt, die ergebnislos bleibt. Zur Verurteilung kommt es nicht, Weidig bleibt aber fortan unter geheimpolizeilicher Überwachung. Inspektor Steinberger hat später bereut, öffentlich solche folgenschweren Verdächtigungen geäußert zu haben. Ab 1818 werden mehrere – letztlich jedoch erfolglose – Verfahren wegen „politischer Irrlehren“ gegen ihn angestrengt.

Der Pädagoge Weidig baut rasch ein herzliches Verhältnis zu seinen Schülern auf. Mit modernen Lehrmethoden hebt er das Bildungsniveau auf einen mustergültigen Stand, die Butzbacher Schule genießt binnen kurzem einen ausgezeichneten Ruf.

Auf dem Schrenzer gründet Weidig nach dem Vorbild des sog. Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn den ersten Turnplatz in Hessen. Hier führt er unter dem Eindruck der napoleonischen Befreiungskriege (nach der Völkerschlacht von Leipzig) um 1814 das Schüler-Exerzieren mit hölzernen Säbeln und Gewehren ein. – Die „Schmach der französischen Fremdherrschaft“ soll mit einer starken „vaterlandsliebenden Jugend“ getilgt, eine Wiederholung verhindert werden.

Die Obrigkeit verfolgt das „politische Turnen“ mit Argwohn – der junge, engagierte Schulmann gerät auch dadurch schon bald ins Visier der Behörden …

Das Wohnhaus der Familie Weidig (rechte Haushälfte) in der Langgasse, späteres Stammhaus der Butzbacher Zeitung, Aufnahme um 1980

Ungeachtet dessen vertritt er unbeugsam seine oppositionelle Haltung – im Unterricht wie auf der Kanzel. Seinen Schülern und Freunden erzählt er auf dem Schrenzer aus der Geschichte der Germanen und Deutschen, rezitiert Gedichte, auch eigene, und singt Freiheitslieder mit ihnen. So entsteht eine „Butzbacher Freiheitsbewegung“ um den großen Demokraten.

Mit seiner steten Forderung trägt Weidig dazu bei, dass 1820 eine (aufgrund der von Oppositionellen geäußerten Kritikpunkte schon einmal verbesserten) Verfassung im Großherzogtum verabschiedet wird, die letztlich aber hinter den Hoffnungen der politisch aktiven und kritischen Bevölkerungskreise zurückbleibt. Doch Kritik und freie Gedanken werden seit den Karlsbader Beschlüssen (1819) zunehmend erstickt. Sogar allgemein anerkannte Respektspersonen wie Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Friedrich Schleiermacher werden Repressalien angedroht! So agiert Weidig besonders vorsichtig, schützt sich z.B., indem er kritische Artikel aus seiner Feder in den liberalen Blättern (in Wirths „Tribüne“ oder in der „Hanauer Zeitung“) anonym erscheinen lässt. Gelegentlich nimmt er auch gerne vielsagende Pseudonyme an („Freimund Hesse“ oder „Ch. S. Frei. Philadelphia“).

Weidig und Büchner – Eine Zweckgemeinschaft

Die folgenreiche Zusammenarbeit bei der Entstehung des „Hessischen Landbote“.

Eine Begegnung mit Folgen

Die Zusammenarbeit zwischen Friedrich Ludwig Weidig und dem jungen Schriftsteller und Medizinstudenten Georg Büchner war eine der folgenreichsten des Vormärz. Sie waren Verbündete aus Notwendigkeit – keine Freunde. Büchner, der radikale Denker, brachte die literarische Sprengkraft und eine scharfe sozialrevolutionäre Haltung ein. Weidig, der erfahrene Organisator, verfügte über das geheime Netzwerk und die entscheidenden Kontakte zu illegalen Druckereien. Ohne diese Verbindungen hätte es ihr gemeinsames Projekt, die Flugschrift „Der Hessische Landbote“, nie gegeben.

Politisch uneins – im Ziel vereint

Ihre politischen Ansichten gingen in manchen Aspekten weit auseinander. So waren für Büchner alle vermögenden gesellschaftlichen Schichten verantwortlich für die wirtschaftliche Ausbeutung der Bauern und Handwerker. Seine ursprüngliche Fassung des „Landboten“ war ein Aufruf zum Klassenkampf, der sich nicht nur gegen die Herrscher, sondern auch gegen das wohlhabende liberale Bürgertum richtete. Weidig war in diesem Punkt zurückhaltender. Aus seiner Sicht war ein erfolgreicher Umsturz nur mit einem Bündnis möglich, dass auch die liberalen Kräfte einschloss. Daher überarbeitete er Büchners Text entscheidend: Er strich die schärfsten Angriffe auf die Liberalen und fügte zahlreiche Bibelzitate ein. Büchner war wütend. Er fand, seine politischen Ansichten seien im „Landboten“ nicht mehr ausreichend dargestellt. Das finale Dokument ist daher eine Mischung aus Büchners scharfer Sprache und Weidigs gemäßigter Haltung.

Friede den Hütten! Krieg den Pallästen! – Der Hessische Landbote 1834

Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!

Irgendwo in Hessen: Zwei Biologiestudenten streifen mit der Botanisiertrommel durch die Nacht, um eifrig Pflanzen und Kleintiere zu sammeln. Wirklich? Tatsächlich gilt ihr Interesse nicht der Flora oder Fauna. Tatsächlich sind sie nicht irgendwo in Hessen, ihr Weg führt über zwei Landesgrenzen von Butzbach nach Offenbach. Und tatsächlich enthalten ihre Tornister keine Blätter und Falter, sondern etwas höchst Brisantes, etwas, wofür sie auf der Stelle verhaftet und wegen Hochverrates angeklagt würden: Das Manuskript der illegalen Flugschrift „Der Hessische Landbote“ – verfasst von Georg Büchner, überarbeitet von Friedrich Ludwig Weidig! Zu Fuß und streckenweise mit der Chaise, immer heimlich und auf der Hut vor den Häschern der Polizei, bringen die beiden das umstürzlerische Pamphlet in einer Julinacht 1834 zu einem verbündeten Drucker – Büchner und sein Gießener Kommilitone Friedrich Jacob Schütz.

Im Großherzogtum Hessen herrschen Unterdrückung und Resignation. Eingeschüchtert von Überwachung, von eingeschränkter Meinungsfreiheit und dem Verbot politischer Aktivitäten sowie einer scharfen Pressezensur, ziehen sich die Bürger geistig zurück ins Private. Jeder geht dem Konflikt mit der Obrigkeit aus dem Weg, verhält sich rechtschaffen und bieder, was der Epoche später den Namen „Biedermeier“ eintragen wird. Umso ungeheuerlicher sind nun die Anschuldigungen, die in dem Flugblatt erhoben werden: Das Volk im Hessenland stöhne und hungere unter der Last von Steuern und Abgaben, während die Obrigkeit in Saus und Braus lebe. Mit dem provokanten Ruf „Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!“ werden Bauern und Handwerker zur Revolte aufgerufen, um dem Unrecht Einhalt zu gebieten.

Flugblätter und Spottgedichte

Der Hessen Nothwehr und Hessischer Landbote 1834

In seinen geheim verfassten und illegal gedruckten Schriften fordert Weidig (unter dem Pseudonym „Freimund Hesse“ oder „Ch. S. Frei, Philadelphia“) nicht nur politische Veränderungen, sondern er prangert auch das Elend und die Unterdrückung der Landbevölkerung scharf an. Er begreift seine publizistische Arbeit als eine Art von Selbstverteidigung gegen Unrecht und Beamtenwillkür und veröffentlicht 1834 in vier Ausgaben den „Leuchter und Beleuchter für Hessen oder der Hessen Nothwehr“. Darin beruft er sich auf die Heilige Schrift und den christlichen Glauben, dass „wer wahrhaftig ist, der sage frei, was recht ist.“ Unmittelbar, nachdem der Beleuchter in Umlauf kommt, setzen die Staatsbehörden 1.000 Gulden auf die Entdeckung der Presse aus, auf der die Schrift gedruckt wurde. Hiervon animiert, spielt der Kreis von Weidigs Anhängern den Behörden die Finte zu, dass sich der geheime Druckort in der Werkstatt des Butzbacher Schreinermeisters Kraus befunden habe.

Damit sollen Polizei und Behörden vermutlich auch abgelenkt werden von dem gleichzeitig in Druck gebrachten Landboten-Projekt.

Anfang des Jahres 1834 begegnen sich Weidig und Büchner zum ersten Mal (wohl auf der Badenburg bei Gießen).

Obwohl sie für die gleiche Sache eintreten, ist ihr Verhältnis schwierig. Sie sind und werden keine Freunde, sind lediglich Verbündete!

Weidigs Position, auch wohlhabende Liberale für die revolutionären Ideen zu gewinnen, steht in eklatantem Widerspruch zu Büchner, der den Kampf gegen Ungleichbehandlung und Armut allein als die Sache der hiervon Betroffenen – also der Landbevölkerung – betrachtet. Unter der Parole „Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!“ verfasst Büchner den Landboten und überlässt ihn Weidig, der über Kontakte zu heimlich verbündeten Druckereien verfügt. Bevor Weidig die Schrift zum Druck weiterleitet, überarbeitet er sie und streicht die Passagen, die sich gegen die Liberalen richten! – Neuere Überlegungen gehen davon aus, dass der Hessische Landbote nicht bei Carl Preller in Offenbach, sondern bei Johann David Sauerländer in Frankfurt gedruckt wurde. Deshalb konnten die hessischen Gendarmen bei Haussuchungen in Prellers Druckwerkstatt keine Beweise für den Druck des Landboten finden. –

Damit habe er dem Landboten die Grundaussage genommen – so zürnt Büchner. Dennoch begrüßen Teile der Landbevölkerung die Schrift, während selbst die gemäßigte Fassung noch den Protest der Liberalen und Wohlhabenden auslöst.

„Herr Du-Thil mit der Eisenstirn und Schreiner- meister Kraus in Butzbach“, 2. und 4. Strophe insges. 17 Strophen, vermutlich Darmstadt 1834

Die sofort veranlasste – und natürlich erfolglose – Hausdurchsuchung wird nur wenige Tage später in einem Flugblatt aufs Korn genommen. Ein Spott-gedicht – wohl aus der Feder von Georg Karl Philipp Flach unter Mitwirkung von Carl Zeuner, Weidig sowie vermutlich August Becker und Georg Büchner – zieht Staatsminister du Thil und das täppische Vorgehen seiner Polizeibeamten provozierend und respektlos ins Lächerliche.

Für noch größeren Unmut bei der Obrigkeit sorgt die berühmteste Flugschrift – „Der Hessische Landbote“ – deren Urschrift aus der Feder von Georg Büchner stammt. Der sozial- revolutionäre Literat und Weidig haben sich über ihren gemeinsamen Bekannten August Becker – der mit Büchner zu den Gründern der „Gesellschaft für Menschenrechte“ in Gießen zählt – kennengelernt.

Der Hessische Landbote

Vorbereitung, Druck und Verteilung

Am 29. Januar 1832 gründen Friedrich Schüler (1791-1873), Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789-1845) und Georg August Wirth (1798-1848) – die Organisatoren des Hambacher Festes – mit anderen Bürgern in Zweibrücken den „Deutschen Preß- und Vaterlandsverein“. Die Organisation, die etwa 5.000 Mitglieder in 116 örtlichen „Komitees“ vereint, kämpft für die Pressefreiheit und die Errichtung einer Republik in Deutschland.

Die Behörden reagieren rasch– Bayern verbietet den zentralen Verein nach wenigen Wochen, die Ortsgruppen folgen bald – auch im Großherzogtum Hessen. Dem zum Trotz gründen auf Weidigs Initiative mehrere Oppositionelle aus dem kurhessischen Marburg und dem großherzoglich-hessischen Gießen am 3. Juli 1834 auf der Badenburg (bei Gießen) den „Oberhessischen Preßverein“ in der Absicht, revolutionäre Schriften zum Druck zu bringen. Neben Weidig zählt Dr. Leopold Eichelberg (1804-1879) aus Marburg zu den Anführern.

Trotzdem stammt der Landbote wohl nicht von der Offenbacher Presse. Wahrscheinlich organisiert Preller den Druck bei Sauerländer in Frankfurt – als Teil eines Verwirrspiels, um die Spur zu den Verschwörern zu verwischen. Und dies mit Erfolg, denn weder über die Lettern in Prellers Setzkasten noch über das Papier lässt sich später eine Verbindung nach Offenbach herstellen! Dieser kluge Schachzug ist ein weiterer Beleg für das gut organisierte Netzwerk der Freiheitsbewegung, das über große Entfernungen funktioniert – keine Selbstverständlichkeit im Zeitalter der Kleinstaaterei: Um von Butzbach nach Offenbach zu gelangen, sind nicht nur Landesgrenzen, sondern auch der Main zu überqueren! Offizielle Transportmittel und -wege sind für die konspirative Arbeit und den Nachrichtenaustausch ungeeignet, jede Strecke muss heimlich, d. h. abseits der üblichen Straßen und meist zu Fuß bewältigt werden.

Zu diesem Zeitpunkt haben Weidig und Büchner sich längst kennengelernt, und der Druck des Landboten ist arrangiert. Büchners Urschrift liegt seit Wochen in der elterlichen Scheune von Carl und Wilhelm Braubach versteckt (Färbgasse 9/11). Weidigs Garten hinter dem Haus grenzt an das Anwesen der Braubachs, so dass er den Text jederzeit unbemerkt zur Überarbeitung holen oder sich mit seinen Mitstreitern heimlich treffen kann.

Obwohl sich der radikale Büchner über die Entschärfung seines sozialkritischen Textes erzürnt und seine Autorschaft bestreitet, überlässt er den Druck des Landboten zähneknirschend dem erfahreneren Pfarrer und Lehrer. Denn nur Weidig verfügt über die Kontakte zu konspirativ tätigen Druckern, so auch zu Carl Preller in der Druckerei Brede in Offenbach. Hierhin tragen Büchner und sein Kommilitone Jakob friedrich Schütz (1813-1877) vermutlich in der Nacht auf den 5. Juli 1834 das Manuskript der Flugschrift.

Am 30. Juli 1834 brechen Minnigerode, Schütz und Zeuner auf nach Enkheim.

Am Tag darauf nehmen sie von Preller vermutlich 1.200 Stück des Landboten in Empfang. Während Schütz seinen Teil der Darmstädter Sektion der „Gesellschaft für Menschenrechte“ überbringt, sollen Zeuner und Minnigerode den Landboten in Butzbach, Gießen und anderen Orten in Oberhessen verteilen.

Minnigerodes Verhaftung am 1. August in Gießen versetzt der Bewegung jedoch einen herben Schlag. Dank Büchners Warnung am 2. August können die Mitstreiter in Butzbach und Offenbach zwar in aller Eile noch Belastendes beseitigen. Etliche Exemplare des Landboten werden so vernichtet. Allein Carl Braubach, dem Mitte August rund 50 Stück der brisanten Schrift – angeblich von einem Unbekannten – zugespielt werden, verbrennt diese auf Weidigs persönliche Weisung umgehend in seiner Küche.

Der Hessische Landbote

Friede den Hütten, Krieg den Pallästen

Im Großherzogtum Hessen „schwitzen, stöhnen und hungern“ 700.000 Menschen, um den „Blutzehnten“ in Höhe von sechs Millionen Gulden aufzubringen. Mit diesen maßlosen Abgaben und Steuerforderungen finanziert die Regierung ihren Pomp sowie ihren Ministern und Beamten ein gutes Leben. Dafür, dass sich die „Melker und Schinder“ vom Volk füttern lassen, rauben sie ihm die Menschen- und Bürgerrechte, denn auch die Gerichtshöfe und Richter sind mit dem abgepressten Geld erkauft. „Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten.“

Auf die Einhaltung jener Ordnung dringen Polizei und Gendarmerie. Das Militär ist zur Wache an den „Pallästen“ der Tyrannen abgestellt: „Mit ihren Trommeln übertäuben sie eure Seufzer, mit ihren Kolben zerschmettern sie euch den Schädel, wenn ihr zu denken wagt, daß ihr freie Menschen seyd.“

Der Hessische Landbote richtet sich an das einfache Volk, eine unterprivilegierte Schicht mit niedrigem Bildungsniveau, die der Willkürherrschaft besonders ausgeliefert ist. Von einem Umsturz würden sie profitieren, weshalb die revolutionäre Bewegung hier auf breite Unterstützung hofft. Damit die Bauern die Revolution als „ihre Sache“ erkennen, verwendet der Landbote ihre Sprache mit Begriffen und Metaphern aus ihrer Lebens- und Arbeitswelt – das „Korn“, die „Stoppeln“, der „Pflug“, „Schwielen“ und „Schweiß“. Komplexe Sachverhalte und Hintergründe wie die Grundzüge des Staatswesens und die Französische Revolution werden so allgemein verständlich erklärt. Um die Botschaft trotz des weit verbreiteten Analphabetismus zu vermitteln, lesen die Anhänger der freiheitlichen Ideen, unter ihnen auch der Butzbacher Weidig-Schüler Arnold Wendel, den Bauern (in einer Scheune in Kirch-Göns) aus der Flugschrift vor.

Ziel jeder politischen Flugschrift ist Veränderung, sie bewegt sich im Spannungsfeld von Mahnung, Appell und Verheißung. Der Hess. Landbote nimmt sich hiervon nicht aus. In ebenso bildhafter wie eindringlicher Sprache finden die Schreiber drastische Worte, beschuldigen die Obrigkeit der „Raubgier“ und „Geilheit“, sprechen von „Lügen“ und „Meineid“. Die – in der Zeit des Absolutismus – ungeheuerlichen Anwürfe suchen ihre Rechtfertigung in Bibelzitaten und Gleichnissen. – Die Bibelzitate sollen von Weidig eingefügt worden sein, da die Bibel das einzige Buch sei, das sie kennen, mit dem sie vertraut sind und als Gesetz akzeptieren. – In der Art einer Predigt wird der Leser dementsprechend aufgerüttelt und zum Widerstand aufgefordert. Das „Maas ist voll“, das „Reich der Finsternis neiget sich zum Ende“, und der „Tag der Auferstehung“ ist nicht fern. Das neue Deutschland wird als „Freistaat“ und „Paradies“ prophezeit.

Der Text endet mit der Aufforderung zum Gebet „Herr, zerbrich den Stecken unserer Treiber und laß dein Reich zu uns kommen, das Reich der Gerechtigkeit. Amen.“

Der Hessische Landbote

Wahrnehmung und Bedeutung

Die zentrale Botschaft des Hessischen Landboten ist der Aufruf zur Rebellion gegen eine Regierung, die ihre deren Rechtmäßigkeit – so die Autoren längst verloren haben. Die Fürsten seien keine gewählten Volksvertreter. Ihre „göttliche Gewalt vererbt sich auf [ihre] Kinder“, auch ihre Vasallen erheben sie nach Belieben ins Amt.

Diese lassen „sich gerade theuer genug bezahlen, um keine Bestechung zu brauchen“, und werden mit satten Pensionen „aufs Polster gelegt, wenn sie eine gewisse Zeit […] eifrige Handlanger bei der […] Schinderei gewesen“ seien.

Hatte das Spottgedicht auf Staatsminister Karl du Thil schon für höchste Aufregung gesorgt und fieberhafte Ermittlungen ausgelöst, so schlägt der Hessische Landbote nun ein wie eine Bombe!

Eingestuft als eine der „bösartigsten und gefährlichsten“ Flugschriften haben die Verfasser und ihre Helfer von der Obrigkeit keine Milde zu erwarten.

Trotz aller Wortgewalt des Landboten bleibt die erhoffte Revolution aus.

Sicher hat der frühzeitige Verrat dazu beigetragen, dass die Aktion fehl- schlägt. Doch lässt sich die Entwicklung nicht allein hiermit begründen. Obwohl ein Teil der Auflage beschlagnahmt wird, erreicht vermutlich der weitaus größere Teil seine Zielgruppe. Ab August 1834 wird der Landbote in Oberhessen verteilt.

Auch lässt sich die Freiheitsbewegung durch Steckbriefe und Verfolgung nicht aufhalten. Selbst im entlegenen Vogelsberg hält Weidig den Kontakt zu seinen Verbündeten und setzt die konspirative Arbeit fort. Doch die Bevölkerung zieht nicht mit! Im Gegenteil: Viele der von Bevormundung und Einschüchterung zermürbten kleinen Leute liefern den Landboten brav bei den Behörden ab.

Nicht zufällig stammen die meisten der überlieferten Exemplare des Landboten aus den Prozessakten. In den Haushalten des „deutschen Michel“ hat sich kaum ein Blatt der brisanten Schrift erhalten!

Bei den Liberalen stößt der Hessische Landbote vielfach auf Ablehnung, da sie sich trotz Weidigs Milderungen als Wohlhabende selbst in der Kritik sehen.

Über die Reaktion der Handwerker und Bauern im Großherzogtum ist relativ wenig bekannt. Sicher hat der Text hier einige Zustimmung gefunden, aber letztlich ist das revolutionäre Potential im Volk, die Bereitschaft zur Rebellion mit allen Konsequenzen von den Autoren überschätzt worden.

Trotz – oder wegen? – der geringen Resonanz halten Weidig und Eichelberg eine zweite Auflage des Landboten für sinnvoll. Mit Blick auf die Liberalen wird der Text noch einmal entschärft. Ohne Wissen seines Chefs und Brotherrn (Noa Gottfried Elwert) druckt Ludwig August Rühle rund 400 Exemplare in der Marburger Druckerei Elwert, die von Gustav von Stockhausen und August Becker verteilt werden.

Am Druck dieser zweiten Auflage ist der nach Frankreich geflohene Büchner nicht beteiligt.

Georg Büchner (1813-1837)

Literat und radikaler Revolutionär

Karl Georg Büchner wird am 17. Okt. 1813 in Goddelau (im hessischen Ried) im Großherzogtum Hessen geboren. 1816 zieht die Familie nach Darmstadt, wo der Vater Karl Ernst Büchner als Bezirksarzt angestellt ist.

Georg besucht ab 1821 die Privat- Erziehungs- und Unterrichts-Anstalt des Theologen Carl Weitershausen. Mit elf Jahren wechselt er zum neuhumanistischen Pädagog, einer gehobenen Schule vor allem für Söhne aus privilegierten Verhältnissen.

Neben Latein erlernt der junge Büchner Griechisch, Französisch und Italienisch. 1831 verlässt er die Schule mit dem Reifezeugnis, das ihm „gute Anlagen“ und einen „klaren und durchdringen- den Verstand“ bescheinigt.

Noch im gleichen Jahr beginnt er das Studium der vergleichenden Anatomie an der medizinischen Fakultät der Universität Straßburg im Elsass, wo er sich für die Ideen der Französischen Revolution begeistert.

Büchner sieht in der eigenen sozialen Unzufriedenheit den Hauptantrieb für eine Revolution. Das wohlhabende Bürgertum werde daher für die armen Schichten nicht einstehen. Bestätigung ist für ihn die Hungerrevolte 1830, in deren Verlauf es zum sog. Blutbad in Södel kommt. Das liberale Bürgertum – dem es an nichts mangelte – hatte sich mit konstitutionellen Zugeständnissen zu- frieden gegeben und die Interessen der Aufständischen verraten, indem es zu „Gehorsam gegen die Obrigkeit“ aufrief. Hierauf begründet sich Büchners Streit mit Weidig um den Hessischen Landboten. Weidig kennt die soziale Not der Bauern und Handwerker, ist aber überzeugt, dass nur eine große Koalition, die verschiedene Interessen verbindet, die fürstlichen Machthaber stürzen kann.

Die Kompromisse für ein solches Zweck-bündnis laufen den radikalen Ansichten Büchners völlig zuwider und wecken dessen erbitterten Widerstand.

Trotz aller Dissonanzen mit Weidig findet Büchner im konspirativen Kreis um den Lehrer in Butzbach Verbündete im Geiste. Er lernt den Weidig-Schüler Wilhelm Braubach (1812-1846, mit dem Decknamen „Kater“) kennen, mit dem ihn bald eine enge (Brief-) Freundschaft verbindet. Im März 1835 flieht Büchner nach Straßburg ins Exil, von dort geht er nach Zürich, wo er 1836 promoviert und die Stelle eines Privatdozenten an der neugegründeten Universität antritt. Hier erliegt er am 19. Februar 1837 einer Typhuserkrankung. Wenige Tage zuvor hält sein Freund Wilhelm Braubach an seinem Sterbebett die Nachtwache. – Wilhelm Braubach floh im Herbst 1835 nach Straßburg, 1836 ging er in die Schweiz, wo er Anstellung als Mechanicus fand.

Obwohl Büchner sich stets politisch interessiert und engagiert hat, ist er vor allem als Dichter und Schriftsteller bekannt. Dabei gelangt er erst posthum als Literat zu Weltruhm. Seine Werke werden teils Jahrzehnte nach seinem Tod erstmals publiziert oder uraufgeführt („Leonce und Lena“, veröffentlicht 1850; „Woyzeck“, veröffentlicht 1878; „Dantons Tod“, Erstaufführung 1902).

Revolutionäre Schriften – Worte als Waffen

Die Verbreitung illegaler Flugschriften wie „Der Hessische Landbote“.

Ein Kampf mit Tinte und Papier

Da ein offener Aufstand gegen die militärische Übermacht des Staates aussichtslos war, wählte Friedrich Ludwig Weidig eine andere Strategie: Seine Waffen waren illegal gedruckte Flugschriften. In den Jahren 1833 bis 1834 veröffentlichten Weidig und sein Umfeld eine Vielzahl von Schriften:

Die wohl bekannteste ist „Der Hessische Landbote“, dessen Druck und Herausgabe Weidig im Juli 1834 organisierte. Die Aktion war ein Wagnis: Büchner verfasste den Text, Weidig überarbeitete ihn und junge Kuriere schmuggelten das verbotene Manuskript über Landesgrenzen hinweg zu einer Druckerei. In der Offenbacher Druckerei Preller wurde die Flugschrift heimlich gedruckt, während die Behörden gezielt auf eine falsche Fährte gelenkt wurden. Die Botschaft des Landboten war unmissverständlich. Mit der Parole

„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

rief er die unterdrückte Landbevölkerung zur Revolution auf. In drastischer Sprache legte er die vielen Steuern dar, die das Volk an eine verschwenderische Regierung zahlen musste. Die vermeintlich von Gott gegebene Macht an die Fürsten erklärte er zur Gotteslästerung.

Die Flugschrift „Leuchter und Beleuchter für Hessen“ gab Weidig unter dem Pseudonym „Freimund Hesse“ heraus. In ihr prangert er die Willkür der Beamten an.

Als die Polizei nach einer Razzia in Butzbach keine Druckpresse fand, veröffentlichte ein Schüler Weidigs – vermutlich Carl Flach – ein Spottgedicht über den Staatsminister Karl du Thil.

Mit diesen Schriften zeigten Weidig und seine Mitstreiter die Ungerechtigkeit der Staatsmacht auf und verspotteten gleichzeitig ihre Autorität.

Vom Hambacher Fest zur Entlassung des Landtages

Das offiziell als unverdächtiges Volksfest angekündigte Hambacher Fest wird von den Organisatoren zur politischen Massenkundgebung umfunktioniert. Die Veranstaltung entgleitet den Behörden völlig: Bis zu 30.000 Gäste hören am 26. Mai 1832 die Forderungen nach bürgerlicher Freiheit, deutscher Einheit sowie einem vereinigten demokratischen Europa. Der Bundestag in Frankfurt reagiert prompt, verschärft die Pressezensur, verbietet politische Versammlungen und Vereine sowie das Tragen der Farben schwarz-rot-gold. Es folgen polizeiliche Hausdurchsuchungen und Verhaftungen bei Organisatoren und Rednern. Auch Weidig wird allerdings erst später ins Verhör genommen. Tatsächlich war er in die Vorbereitungen involviert, ohne selbst am Fest teilzunehmen.

Mit dem Sturm auf die Frankfurter Hauptwache und die Konstabler Wache am 3. April 1833 sollen die liberalen Ziele mit Gewalt erstritten und eine Revolution in Deutschland angestoßen werden. Der von den Burschenschaften dilettantisch geplanten Aktion fehlt jedoch der Rückhalt sowohl bei den eigenen Mitstreitern wie auch in der Bevölkerung.

Zudem sind die Behörden durch Verrat frühzeitig über das Vorhaben informiert. Das „Bubenstück“ – so äußert sich Friedrich Ludwig Weidig nach anfänglicher Zustimmung – misslingt. Um die letzten liberalen Bestrebungen im Großherzogtum zu ersticken, verfügt Staatsminister Karl du Bos du Thil im November 1833 das Verbot aller politischen Zeitungen und entlässt den Darmstädter Landtag. Liberale, Demokraten und Republikaner sind nun in den Untergrund gezwungen.

Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!

Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!

Irgendwo in Hessen: Zwei Biologiestudenten streifen mit der Botanisiertrommel durch die Nacht, um eifrig Pflanzen und Kleintiere zu sammeln. Wirklich? Tatsächlich gilt ihr Interesse nicht der Flora oder Fauna. Tatsächlich sind sie nicht irgendwo in Hessen, ihr Weg führt über zwei Landesgrenzen von Butzbach nach Offenbach. Und tatsächlich enthalten ihre Tornister keine Blätter und Falter, sondern etwas höchst Brisantes, etwas, wofür sie auf der Stelle verhaftet und wegen Hochverrates angeklagt würden: Das Manuskript der illegalen Flugschrift „Der Hessische Landbote“ – verfasst von Georg Büchner, überarbeitet von Friedrich Ludwig Weidig! Zu Fuß und streckenweise mit der Chaise, immer heimlich und auf der Hut vor den Häschern der Polizei, bringen die beiden das umstürzlerische Pamphlet in einer Julinacht 1834 zu einem verbündeten Drucker – Büchner und sein Gießener Kommilitone Friedrich Jacob Schütz.

Im Großherzogtum Hessen herrschen Unterdrückung und Resignation. Eingeschüchtert von Überwachung, von eingeschränkter Meinungsfreiheit und dem Verbot politischer Aktivitäten sowie einer scharfen Pressezensur, ziehen sich die Bürger geistig zurück ins Private. Jeder geht dem Konflikt mit der Obrigkeit aus dem Weg, verhält sich rechtschaffen und bieder, was der Epoche später den Namen „Biedermeier“ eintragen wird. Umso ungeheuerlicher sind nun die Anschuldigungen, die in dem Flugblatt erhoben werden: Das Volk im Hessenland stöhne und hungere unter der Last von Steuern und Abgaben, während die Obrigkeit in Saus und Braus lebe. Mit dem provokanten Ruf „Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!“ werden Bauern und Handwerker zur Revolte aufgerufen, um dem Unrecht Einhalt zu gebieten.

Vom Protest zur Volkserhebung

Polenbegeisterung und Solidarerklärungen 1830-1833

1830 hat eine ungünstige Witterung auch im Großherzogtum Hessen eine Missernte zur Folge. Das miserable Wetter ist eine Folge des Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der Südseeinsel Sumbawa im Jahr 1815. Die neuerliche Missernte war für die ohnehin von Steuern und feudalen Abgaben hoch belastete Bevölkerung zu sinkenden Getreidepreisen, Teuerung, Verschuldung und Hungersnot führt. Die Prunksucht des Großherzogs Ludwig II., zudem, sein Plan, die Staatskasse solle seine privaten Schulden tragen, wecken Empörung und Widerstand.

Auch im Vogelsberg, in der Wetterau und am Main rotten sich im Jahr der französischen Julirevolution Aufständische zusammen und ziehen protestierend und immer handgreiflicher von Ort zu Ort. Der Großherzog reagiert mit der Entsendung von Soldaten, die unter dem Befehl seines Bruders Emil stehen. Als die Truppen in Södel mutmaßliche Aufständische zu erkennen glauben und einen angeblich zu den Rebellen übergelaufenen Bürger aufspüren, eskaliert die Situation es kommt in Södel und dem benachbarten Wölfersheim zu Toten und Verwundeten.

Weidig beklagt die Gräueltaten, das brutale Vorgehen gegen Unschuldige und widmet im August 1831 sein „Teutsches Gesangbuch“ 1831 „zum Beßten der am 1ten October 1830 unglücklich gewordenen Familien“.

Weidig gibt Spendenaufrufe auf für die betroffenen Familien gesammelt. Das vom Militär geleugnete Unrecht wird erst 1831 später durch einen Prozess und Verurteilung gegen wenige der beteiligten Soldaten und Offiziere mit geringfügigen Strafen gesühnt.

In Büchners und Weidigs Hessischem Landboten wird das in Södel aktive Militär als „gesetzliche Mörder“ eingestuft, ,,welche die gesetzlichen Räuber schützen“.

1831 erhalten dagegen von den rund 200 festgenommenen Aufständischen 79 Zuchthausstrafen zwischen einem und 15 Jahren, die der Großherzog später gnadenweise auf ein Drittel reduziert.

Die Verschärfung der Zensur, das Ver- sammlungsverbot, zunehmende Überwachung und Beamtenwillkür bestätigen Weidig einerseits, zwingen ihn andererseits jedoch zunehmend, alle Aktivitäten im Verborgenen zu betreiben. Obwohl er als „Demagoge“ unter ständiger Beobachtung staatlicher Polizeispitzel steht, unterhält er ein geheimes Netzwerk von Oppositionellen, das über Hessen-Darmstadt, Frankfurt und Hessen-Kassel hinausgeht. Seine Kontakte reichen bis in den Südwesten (Baden) Deutschlands, einem der Zentren des frühen Liberalismus:

So reist er im Frühjahr 1832 in die Rheinpfalz und nach Mannheim, um sich mit den Organisatoren des Hambacher Festes zu treffen. Selbst wird er an der Großveranstaltung jedoch nicht teilnehmen (da er als Lehrer keinen Urlaub bekommt). Er schickt Carl Zeuner – sein ehemaliger Schüler und enger Vertrauter, der von ihm einen Zuschuss zu den Reisekosten erhält – und Friedrich Leberecht Arndt von der Butzbacher Lesegesellschaft zu der viertägigen Protestveranstaltung.

Die strikten Junibeschlüsse 1832 und die Auflösung des Landtages unter Großherzog Ludwig II. haben zum Ziel, die letzte legale demokratische Einflussnahme zu ersticken und der Opposition jede öffentliche Plattform zu entziehen. Ungeachtet dessen wächst die Bereitschaft zu aktivem, notfalls gewaltsamem Widerstand. Weidig unterstützt 1833 zunächst den Plan zur Erstürmung der Frankfurter Wachen, erkennt jedoch bald dessen Aussichtslosigkeit und distanziert sich.

Ahnend, dass man ihm eine Mitwisserschaft unterstellen wird, besorgt er sich ein Alibi, was den Friedberger Kreisrat nicht hindert, ihn für sieben Wochen unter Arrest zu stellen. Wegen fehlender Beweise schließlich aus der Haft entlassen, beteiligt sich Weidig trotz allem an der Herausgabe und Verbreitung illegaler Zeitungen und Flugblätter.

Flugblätter und Spottgedichte

Der Hessen Nothwehr und Hessischer Landbote 1834

In seinen geheim verfassten und illegal gedruckten Schriften fordert Weidig (unter dem Pseudonym „Freimund Hesse“ oder „Ch. S. Frei, Philadelphia“) nicht nur politische Veränderungen, sondern er prangert auch das Elend und die Unterdrückung der Landbevölkerung scharf an. Er begreift seine publizistische Arbeit als eine Art von Selbstverteidigung gegen Unrecht und Beamtenwillkür und veröffentlicht 1834 in vier Ausgaben den „Leuchter und Beleuchter für Hessen oder der Hessen Nothwehr“. Darin beruft er sich auf die Heilige Schrift und den christlichen Glauben, dass „wer wahrhaftig ist, der sage frei, was recht ist.“ Unmittelbar, nachdem der Beleuchter in Umlauf kommt, setzen die Staatsbehörden 1.000 Gulden auf die Entdeckung der Presse aus, auf der die Schrift gedruckt wurde. Hiervon animiert, spielt der Kreis von Weidigs Anhängern den Behörden die Finte zu, dass sich der geheime Druckort in der Werkstatt des Butzbacher Schreinermeisters Kraus befunden habe.

Damit sollen Polizei und Behörden vermutlich auch abgelenkt werden von dem gleichzeitig in Druck gebrachten Landboten-Projekt.

Anfang des Jahres 1834 begegnen sich Weidig und Büchner zum ersten Mal (wohl auf der Badenburg bei Gießen).

Obwohl sie für die gleiche Sache eintreten, ist ihr Verhältnis schwierig. Sie sind und werden keine Freunde, sind lediglich Verbündete!

Weidigs Position, auch wohlhabende Liberale für die revolutionären Ideen zu gewinnen, steht in eklatantem Widerspruch zu Büchner, der den Kampf gegen Ungleichbehandlung und Armut allein als die Sache der hiervon Betroffenen – also der Landbevölkerung – betrachtet. Unter der Parole „Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!“ verfasst Büchner den Landboten und überlässt ihn Weidig, der über Kontakte zu heimlich verbündeten Druckereien verfügt. Bevor Weidig die Schrift zum Druck weiterleitet, überarbeitet er sie und streicht die Passagen, die sich gegen die Liberalen richten! – Neuere Überlegungen gehen davon aus, dass der Hessische Landbote nicht bei Carl Preller in Offenbach, sondern bei Johann David Sauerländer in Frankfurt gedruckt wurde. Deshalb konnten die hessischen Gendarmen bei Haussuchungen in Prellers Druckwerkstatt keine Beweise für den Druck des Landboten finden. –

Damit habe er dem Landboten die Grundaussage genommen – so zürnt Büchner. Dennoch begrüßen Teile der Landbevölkerung die Schrift, während selbst die gemäßigte Fassung noch den Protest der Liberalen und Wohlhabenden auslöst.

„Herr Du-Thil mit der Eisenstirn und Schreiner- meister Kraus in Butzbach“, 2. und 4. Strophe insges. 17 Strophen, vermutlich Darmstadt 1834

Die sofort veranlasste – und natürlich erfolglose – Hausdurchsuchung wird nur wenige Tage später in einem Flugblatt aufs Korn genommen. Ein Spott-gedicht – wohl aus der Feder von Georg Karl Philipp Flach unter Mitwirkung von Carl Zeuner, Weidig sowie vermutlich August Becker und Georg Büchner – zieht Staatsminister du Thil und das täppische Vorgehen seiner Polizeibeamten provozierend und respektlos ins Lächerliche.

Für noch größeren Unmut bei der Obrigkeit sorgt die berühmteste Flugschrift – „Der Hessische Landbote“ – deren Urschrift aus der Feder von Georg Büchner stammt. Der sozial- revolutionäre Literat und Weidig haben sich über ihren gemeinsamen Bekannten August Becker – der mit Büchner zu den Gründern der „Gesellschaft für Menschenrechte“ in Gießen zählt – kennengelernt.

Schon bevor das Flugblatt gedruckt vor- liegt, ist das Unternehmen bereits verraten worden, so dass nur noch ein Teil der Auflage in den Umlauf kommt. Karl Minnigerode, einer der Verschwörer und Freund Büchners, wird im August mit 139 Exemplaren des Landboten in Gießen am Selterstor von den Häschern ab-gefangen und verhaftet. Büchner bricht sofort auf, um den geheimen Zirkel zu warnen. Sein Weg führt von Gießen – meist zu Fuß – nach Offenbach. Dabei kommt er zweimal durch Butzbach, wo er jeweils bei Carl Zeuner eine Rast ein- legt. Inzwischen lässt Universitätsrichter Georgi – Weidigs späterer Peiniger – sein Zimmer in Gießen durchsuchen. Nach Büchners Rückkehr stellt er sich selbst der Vernehmung, wird aber nicht verhaftet. Weidig – obwohl nicht mit Namen von dem Verräter Konrad Kuhl bezichtigt – gilt als hochverdächtig und wird – gegen seinen Willen – nach Obergleen im Vogelsberg strafversetzt.Von hier gelingt es noch Weidig, eine zweite Auflage des Hessischen Landboten in Marburg drucken und verbreiten zu lassen.

Das erst 2013 wiederentdeckte, einzig bekannte Original des Flugblatts „Herr Du-Thil mit der Eisenstirn …“ (1834). Orig. Stadtbibliothek Mainz, Mog. 113, Nr. 19 Das Gedicht wird im Kreis um Weidig (von Aug Becker oder Karl Flach?) verfasst, vielleicht unter Mitwirkung Georg Büchners. In ihm wird die Hilflosigkeit, Plumpheit und Dummheit der Büttel (und des hilflosen Ministers) verspottet. Es soll auf die bekannte Melodie von „Ich bin der Doktor Eisenbart“ gesungen werden.

Der Hessische Landbote

Vorbereitung, Druck und Verteilung

Am 29. Januar 1832 gründen Friedrich Schüler (1791-1873), Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789-1845) und Georg August Wirth (1798-1848) – die Organisatoren des Hambacher Festes – mit anderen Bürgern in Zweibrücken den „Deutschen Preß- und Vaterlandsverein“. Die Organisation, die etwa 5.000 Mitglieder in 116 örtlichen „Komitees“ vereint, kämpft für die Pressefreiheit und die Errichtung einer Republik in Deutschland.

Die Behörden reagieren rasch– Bayern verbietet den zentralen Verein nach wenigen Wochen, die Ortsgruppen folgen bald – auch im Großherzogtum Hessen. Dem zum Trotz gründen auf Weidigs Initiative mehrere Oppositionelle aus dem kurhessischen Marburg und dem großherzoglich-hessischen Gießen am 3. Juli 1834 auf der Badenburg (bei Gießen) den „Oberhessischen Preßverein“ in der Absicht, revolutionäre Schriften zum Druck zu bringen. Neben Weidig zählt Dr. Leopold Eichelberg (1804-1879) aus Marburg zu den Anführern.

Trotzdem stammt der Landbote wohl nicht von der Offenbacher Presse. Wahrscheinlich organisiert Preller den Druck bei Sauerländer in Frankfurt – als Teil eines Verwirrspiels, um die Spur zu den Verschwörern zu verwischen. Und dies mit Erfolg, denn weder über die Lettern in Prellers Setzkasten noch über das Papier lässt sich später eine Verbindung nach Offenbach herstellen! Dieser kluge Schachzug ist ein weiterer Beleg für das gut organisierte Netzwerk der Freiheitsbewegung, das über große Entfernungen funktioniert – keine Selbstverständlichkeit im Zeitalter der Kleinstaaterei: Um von Butzbach nach Offenbach zu gelangen, sind nicht nur Landesgrenzen, sondern auch der Main zu überqueren! Offizielle Transportmittel und -wege sind für die konspirative Arbeit und den Nachrichtenaustausch ungeeignet, jede Strecke muss heimlich, d. h. abseits der üblichen Straßen und meist zu Fuß bewältigt werden.

Zu diesem Zeitpunkt haben Weidig und Büchner sich längst kennengelernt, und der Druck des Landboten ist arrangiert. Büchners Urschrift liegt seit Wochen in der elterlichen Scheune von Carl und Wilhelm Braubach versteckt (Färbgasse 9/11). Weidigs Garten hinter dem Haus grenzt an das Anwesen der Braubachs, so dass er den Text jederzeit unbemerkt zur Überarbeitung holen oder sich mit seinen Mitstreitern heimlich treffen kann.

Obwohl sich der radikale Büchner über die Entschärfung seines sozialkritischen Textes erzürnt und seine Autorschaft bestreitet, überlässt er den Druck des Landboten zähneknirschend dem erfahreneren Pfarrer und Lehrer. Denn nur Weidig verfügt über die Kontakte zu konspirativ tätigen Druckern, so auch zu Carl Preller in der Druckerei Brede in Offenbach. Hierhin tragen Büchner und sein Kommilitone Jakob friedrich Schütz (1813-1877) vermutlich in der Nacht auf den 5. Juli 1834 das Manuskript der Flugschrift.

Am 30. Juli 1834 brechen Minnigerode, Schütz und Zeuner auf nach Enkheim.

Am Tag darauf nehmen sie von Preller vermutlich 1.200 Stück des Landboten in Empfang. Während Schütz seinen Teil der Darmstädter Sektion der „Gesellschaft für Menschenrechte“ überbringt, sollen Zeuner und Minnigerode den Landboten in Butzbach, Gießen und anderen Orten in Oberhessen verteilen.

Minnigerodes Verhaftung am 1. August in Gießen versetzt der Bewegung jedoch einen herben Schlag. Dank Büchners Warnung am 2. August können die Mitstreiter in Butzbach und Offenbach zwar in aller Eile noch Belastendes beseitigen. Etliche Exemplare des Landboten werden so vernichtet. Allein Carl Braubach, dem Mitte August rund 50 Stück der brisanten Schrift – angeblich von einem Unbekannten – zugespielt werden, verbrennt diese auf Weidigs persönliche Weisung umgehend in seiner Küche.

Der Hessische Landbote

Friede den Hütten, Krieg den Pallästen

Im Großherzogtum Hessen „schwitzen, stöhnen und hungern“ 700.000 Menschen, um den „Blutzehnten“ in Höhe von sechs Millionen Gulden aufzubringen. Mit diesen maßlosen Abgaben und Steuerforderungen finanziert die Regierung ihren Pomp sowie ihren Ministern und Beamten ein gutes Leben. Dafür, dass sich die „Melker und Schinder“ vom Volk füttern lassen, rauben sie ihm die Menschen- und Bürgerrechte, denn auch die Gerichtshöfe und Richter sind mit dem abgepressten Geld erkauft. „Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten.“

Auf die Einhaltung jener Ordnung dringen Polizei und Gendarmerie. Das Militär ist zur Wache an den „Pallästen“ der Tyrannen abgestellt: „Mit ihren Trommeln übertäuben sie eure Seufzer, mit ihren Kolben zerschmettern sie euch den Schädel, wenn ihr zu denken wagt, daß ihr freie Menschen seyd.“

Der Hessische Landbote richtet sich an das einfache Volk, eine unterprivilegierte Schicht mit niedrigem Bildungsniveau, die der Willkürherrschaft besonders ausgeliefert ist. Von einem Umsturz würden sie profitieren, weshalb die revolutionäre Bewegung hier auf breite Unterstützung hofft. Damit die Bauern die Revolution als „ihre Sache“ erkennen, verwendet der Landbote ihre Sprache mit Begriffen und Metaphern aus ihrer Lebens- und Arbeitswelt – das „Korn“, die „Stoppeln“, der „Pflug“, „Schwielen“ und „Schweiß“. Komplexe Sachverhalte und Hintergründe wie die Grundzüge des Staatswesens und die Französische Revolution werden so allgemein verständlich erklärt. Um die Botschaft trotz des weit verbreiteten Analphabetismus zu vermitteln, lesen die Anhänger der freiheitlichen Ideen, unter ihnen auch der Butzbacher Weidig-Schüler Arnold Wendel, den Bauern (in einer Scheune in Kirch-Göns) aus der Flugschrift vor.

Ziel jeder politischen Flugschrift ist Veränderung, sie bewegt sich im Spannungsfeld von Mahnung, Appell und Verheißung. Der Hess. Landbote nimmt sich hiervon nicht aus. In ebenso bildhafter wie eindringlicher Sprache finden die Schreiber drastische Worte, beschuldigen die Obrigkeit der „Raubgier“ und „Geilheit“, sprechen von „Lügen“ und „Meineid“. Die – in der Zeit des Absolutismus – ungeheuerlichen Anwürfe suchen ihre Rechtfertigung in Bibelzitaten und Gleichnissen. – Die Bibelzitate sollen von Weidig eingefügt worden sein, da die Bibel das einzige Buch sei, das sie kennen, mit dem sie vertraut sind und als Gesetz akzeptieren. – In der Art einer Predigt wird der Leser dementsprechend aufgerüttelt und zum Widerstand aufgefordert. Das „Maas ist voll“, das „Reich der Finsternis neiget sich zum Ende“, und der „Tag der Auferstehung“ ist nicht fern. Das neue Deutschland wird als „Freistaat“ und „Paradies“ prophezeit.

Der Text endet mit der Aufforderung zum Gebet „Herr, zerbrich den Stecken unserer Treiber und laß dein Reich zu uns kommen, das Reich der Gerechtigkeit. Amen.“

Der Hessische Landbote

Wahrnehmung und Bedeutung

Die zentrale Botschaft des Hessischen Landboten ist der Aufruf zur Rebellion gegen eine Regierung, die ihre deren Rechtmäßigkeit – so die Autoren längst verloren haben. Die Fürsten seien keine gewählten Volksvertreter. Ihre „göttliche Gewalt vererbt sich auf [ihre] Kinder“, auch ihre Vasallen erheben sie nach Belieben ins Amt.

Diese lassen „sich gerade theuer genug bezahlen, um keine Bestechung zu brauchen“, und werden mit satten Pensionen „aufs Polster gelegt, wenn sie eine gewisse Zeit […] eifrige Handlanger bei der […] Schinderei gewesen“ seien.

Hatte das Spottgedicht auf Staatsminister Karl du Thil schon für höchste Aufregung gesorgt und fieberhafte Ermittlungen ausgelöst, so schlägt der Hessische Landbote nun ein wie eine Bombe!

Eingestuft als eine der „bösartigsten und gefährlichsten“ Flugschriften haben die Verfasser und ihre Helfer von der Obrigkeit keine Milde zu erwarten.

Trotz aller Wortgewalt des Landboten bleibt die erhoffte Revolution aus.

Sicher hat der frühzeitige Verrat dazu beigetragen, dass die Aktion fehl- schlägt. Doch lässt sich die Entwicklung nicht allein hiermit begründen. Obwohl ein Teil der Auflage beschlagnahmt wird, erreicht vermutlich der weitaus größere Teil seine Zielgruppe. Ab August 1834 wird der Landbote in Oberhessen verteilt.

Auch lässt sich die Freiheitsbewegung durch Steckbriefe und Verfolgung nicht aufhalten. Selbst im entlegenen Vogelsberg hält Weidig den Kontakt zu seinen Verbündeten und setzt die konspirative Arbeit fort. Doch die Bevölkerung zieht nicht mit! Im Gegenteil: Viele der von Bevormundung und Einschüchterung zermürbten kleinen Leute liefern den Landboten brav bei den Behörden ab.

Nicht zufällig stammen die meisten der überlieferten Exemplare des Landboten aus den Prozessakten. In den Haushalten des „deutschen Michel“ hat sich kaum ein Blatt der brisanten Schrift erhalten!

Bei den Liberalen stößt der Hessische Landbote vielfach auf Ablehnung, da sie sich trotz Weidigs Milderungen als Wohlhabende selbst in der Kritik sehen.

Über die Reaktion der Handwerker und Bauern im Großherzogtum ist relativ wenig bekannt. Sicher hat der Text hier einige Zustimmung gefunden, aber letztlich ist das revolutionäre Potential im Volk, die Bereitschaft zur Rebellion mit allen Konsequenzen von den Autoren überschätzt worden.

Trotz – oder wegen? – der geringen Resonanz halten Weidig und Eichelberg eine zweite Auflage des Landboten für sinnvoll. Mit Blick auf die Liberalen wird der Text noch einmal entschärft. Ohne Wissen seines Chefs und Brotherrn (Noa Gottfried Elwert) druckt Ludwig August Rühle rund 400 Exemplare in der Marburger Druckerei Elwert, die von Gustav von Stockhausen und August Becker verteilt werden.

Am Druck dieser zweiten Auflage ist der nach Frankreich geflohene Büchner nicht beteiligt.

Georg Büchner (1813-1837)

Literat und radikaler Revolutionär

Karl Georg Büchner wird am 17. Okt. 1813 in Goddelau (im hessischen Ried) im Großherzogtum Hessen geboren. 1816 zieht die Familie nach Darmstadt, wo der Vater Karl Ernst Büchner als Bezirksarzt angestellt ist.

Georg besucht ab 1821 die Privat- Erziehungs- und Unterrichts-Anstalt des Theologen Carl Weitershausen. Mit elf Jahren wechselt er zum neuhumanistischen Pädagog, einer gehobenen Schule vor allem für Söhne aus privilegierten Verhältnissen.

Neben Latein erlernt der junge Büchner Griechisch, Französisch und Italienisch. 1831 verlässt er die Schule mit dem Reifezeugnis, das ihm „gute Anlagen“ und einen „klaren und durchdringen- den Verstand“ bescheinigt.

Noch im gleichen Jahr beginnt er das Studium der vergleichenden Anatomie an der medizinischen Fakultät der Universität Straßburg im Elsass, wo er sich für die Ideen der Französischen Revolution begeistert.

Büchner sieht in der eigenen sozialen Unzufriedenheit den Hauptantrieb für eine Revolution. Das wohlhabende Bürgertum werde daher für die armen Schichten nicht einstehen. Bestätigung ist für ihn die Hungerrevolte 1830, in deren Verlauf es zum sog. Blutbad in Södel kommt. Das liberale Bürgertum – dem es an nichts mangelte – hatte sich mit konstitutionellen Zugeständnissen zu- frieden gegeben und die Interessen der Aufständischen verraten, indem es zu „Gehorsam gegen die Obrigkeit“ aufrief. Hierauf begründet sich Büchners Streit mit Weidig um den Hessischen Landboten. Weidig kennt die soziale Not der Bauern und Handwerker, ist aber überzeugt, dass nur eine große Koalition, die verschiedene Interessen verbindet, die fürstlichen Machthaber stürzen kann.

Die Kompromisse für ein solches Zweck-bündnis laufen den radikalen Ansichten Büchners völlig zuwider und wecken dessen erbitterten Widerstand.

Trotz aller Dissonanzen mit Weidig findet Büchner im konspirativen Kreis um den Lehrer in Butzbach Verbündete im Geiste. Er lernt den Weidig-Schüler Wilhelm Braubach (1812-1846, mit dem Decknamen „Kater“) kennen, mit dem ihn bald eine enge (Brief-) Freundschaft verbindet. Im März 1835 flieht Büchner nach Straßburg ins Exil, von dort geht er nach Zürich, wo er 1836 promoviert und die Stelle eines Privatdozenten an der neugegründeten Universität antritt. Hier erliegt er am 19. Februar 1837 einer Typhuserkrankung. Wenige Tage zuvor hält sein Freund Wilhelm Braubach an seinem Sterbebett die Nachtwache. – Wilhelm Braubach floh im Herbst 1835 nach Straßburg, 1836 ging er in die Schweiz, wo er Anstellung als Mechanicus fand.

Obwohl Büchner sich stets politisch interessiert und engagiert hat, ist er vor allem als Dichter und Schriftsteller bekannt. Dabei gelangt er erst posthum als Literat zu Weltruhm. Seine Werke werden teils Jahrzehnte nach seinem Tod erstmals publiziert oder uraufgeführt („Leonce und Lena“, veröffentlicht 1850; „Woyzeck“, veröffentlicht 1878; „Dantons Tod“, Erstaufführung 1902).

Sammlung A. W. Heil

Bedeutende politische Druckgrafik

Die Sammlung A. W. Heil gilt mit etwa 830 graphischen Einzelblättern und 300 Druckgraphiken in rund 2.500 Bibliothekarien als einer der „bedeutendsten Bestände politischer Druckgraphik zum deutschen Vormärz und zur Revolution 1848/49 […] und insbesondere an Literatur zum Weidig-Büchner-Kreis“ (Dr. + Thomas M. Meyer, Georg Büchner Gesellschaft e. V. und Forschungsstelle Georg Büchner, Marburg). Eines der wertvollsten Stücke ist das nur in einem Exemplar überlieferte Beiblatt „Wilde Rosen“ der 1848/49 in Gießen publizierten demokratischen Zeitung „Der jüngste Tag“. Zu den weiteren Raritäten zählen ein Band des „Jüngsten Tag“ mit den Ausgaben 102-209 aus dem Revolutionsjahr 1848, die in Frankfurt herausgegebene „Didaskalia. Blätter für Geist, Gemüth und Publizität“ sowie die Bände der in Michelstadt erschienenen Zeitung „Der Odenwälder“ der Jahrgänge 1846-1852.

Der Butzbacher Alexander Wilhelm Heil (1871-1952), Bäcker, Fabrikant, Politiker, Literat und Heimatforscher, aufgewachsen in einer sozialpolitisch engagierten Familie, erfährt während seiner Ausbildung in der Fremde die harten Arbeitsbedingungen im Bäckerhandwerk. Auch auf seiner dreijährigen Walz sammelt er „große Erfahrungen“ als Mensch, die ihn „zum Anwalt der sozial Schwächeren“ werden lassen.

Nach dem 1. Weltkrieg engagiert sich Heil politisch als „bürgerlicher Reformdemokrat“. Er übernimmt den Vorsitz der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in Butzbach und wird Mitglied des SPD-nahen Reichsbanner Schwarz- Rot-Gold. Als Gemeinderat setzt er sich ein für den sozialen Fortschritt und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

1924 scheidet Heil aus persönlichen Gründen aus der aktiven Politik aus und widmet sich dem Ausbau seiner Fabrik.

Die politische Entwicklung in Deutschland ab 1933 verfolgt Heil mit Sorge. Aus Protest gegen die vorgesehene Ehrung von Prof. Dr. Ferdinand Werner als erstem hessischem Staatspräsidenten der NSDAP tritt er im April 1933 aus dem Butzbacher Geschichtsverein aus.

Heil hatte den Spitznamen „Der Demokrat“.

Die politische Gesinnung der Familie Heil ist auch dem Sicherheitsdienst der SS bekannt – sie seien keine Nazis, grüßten mit „Guten Tag“ und verkehrten mit Juden.

Nach dem 2. Weltkrieg kehrt Heil in die Lokalpolitik zurück. Er tritt 1945 der in Butzbach neu gegründeten CDU bei und wird Mitglied im Kreistag.

Zu seinem 80. Geburtstag 1951 würdigt die Butzbacher Zeitung den „aufrechten Demokraten“ als „eine der markantesten Persönlichkeiten“ der Stadt Butzbach.

Schüler und Netzwerk – Die Verschwörung in Aktion

Die Organisation, die Verräter und die Zerschlagung des freiheitlichen Netzwerks.

Mitstreiter und Boten

Die politischen Aktivitäten Weidigs wären ohne ein verzweigtes Netzwerk undenkbar gewesen. Seine ehemaligen Schüler spielten dabei eine wichtige Rolle. Verbunden durch den gemeinsamen freiheitlichen Unterricht, Freundschaft und Respekt waren sie bereit, hohe Risiken einzugehen. Ihre Jugend und ihre unauffällige Stellung als Bürgersöhne, Studenten oder Handwerker machten sie zu idealen Kurieren. Sie schmuggelten Manuskripte zu den Druckern, holten die fertigen Flugschriften ab und verteilten sie im Geheimen an die Bevölkerung.

Vertrauen und Verrat

Der Sattlermeister Carl Zeuner, einer von Weidigs engsten Vertrauten, war eine Schlüsselfigur. Sein Haus in der Weiseler Straße 7 war ein geheimer Treffpunkt und ein sicheres Versteck für politisch Verfolgte. Auch Georg Büchner übernachtete hier auf seiner Flucht. Weidigs Netzwerk reichte weit über Butzbach hinaus und arbeitete auch mit dem Kreis um Büchner zusammen. Weitere Liberale und Demokraten aus ganz Hessen gehörten dazu, darunter Personen aus Friedberg, Bensheim, Steinheim, aber auch aus angrenzenden Regionen wie Mainz. Die Stärke des Netzwerks lag im gegenseitigen Vertrauen. Genau diese Vertrautheit wurde zum Verhängnis. In den Jahren 1833 bis 1835 spionierte ein Butzbacher für die Behörden: Johann Konrad Kuhl, Metzger und Handelsmann, verriet gegen Geld den Weidig-Büchner-Kreis an die Obrigkeit. Im Sommer 1833 wurde Weidig das erste Mal verhaftet und neben weiteren Butzbachern verhört. Erst nach knapp zwei Monaten erreichte Amalie Weidig die Freilassung ihres Ehemannes.

Die Zerschagung des Netzwerks

Das Butzbacher Netzwerk geriet immer weiter unter Druck: Im August 1834 wurde der Student und geheime Bote Karl Minnigerode verhaftet. Im April 1835 brach der Gießener Student Gustav Clemm im Verhör zusammen und offenbarte die Namen aller Beteiligten. Sein Geständnis löste eine Verhaftungswelle aus, die über 50 Personen ins Gefängnis brachte. Die Freiheitsbewegung in Oberhessen war zerschlagen.

Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!

Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!

Irgendwo in Hessen: Zwei Biologiestudenten streifen mit der Botanisiertrommel durch die Nacht, um eifrig Pflanzen und Kleintiere zu sammeln. Wirklich? Tatsächlich gilt ihr Interesse nicht der Flora oder Fauna. Tatsächlich sind sie nicht irgendwo in Hessen, ihr Weg führt über zwei Landesgrenzen von Butzbach nach Offenbach. Und tatsächlich enthalten ihre Tornister keine Blätter und Falter, sondern etwas höchst Brisantes, etwas, wofür sie auf der Stelle verhaftet und wegen Hochverrates angeklagt würden: Das Manuskript der illegalen Flugschrift „Der Hessische Landbote“ – verfasst von Georg Büchner, überarbeitet von Friedrich Ludwig Weidig! Zu Fuß und streckenweise mit der Chaise, immer heimlich und auf der Hut vor den Häschern der Polizei, bringen die beiden das umstürzlerische Pamphlet in einer Julinacht 1834 zu einem verbündeten Drucker – Büchner und sein Gießener Kommilitone Friedrich Jacob Schütz.

Im Großherzogtum Hessen herrschen Unterdrückung und Resignation. Eingeschüchtert von Überwachung, von eingeschränkter Meinungsfreiheit und dem Verbot politischer Aktivitäten sowie einer scharfen Pressezensur, ziehen sich die Bürger geistig zurück ins Private. Jeder geht dem Konflikt mit der Obrigkeit aus dem Weg, verhält sich rechtschaffen und bieder, was der Epoche später den Namen „Biedermeier“ eintragen wird. Umso ungeheuerlicher sind nun die Anschuldigungen, die in dem Flugblatt erhoben werden: Das Volk im Hessenland stöhne und hungere unter der Last von Steuern und Abgaben, während die Obrigkeit in Saus und Braus lebe. Mit dem provokanten Ruf „Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!“ werden Bauern und Handwerker zur Revolte aufgerufen, um dem Unrecht Einhalt zu gebieten.

Versetzung und Verhaftung 1834 / 1835

„Ein Mann von so tadellosem Wandel“

Am 1. September 1834 hält Weidig in Obergleen seine Antrittspredigt als Pfarrer. In Anwesenheit einiger Butzbacher Freunde betont er darin noch einmal seine Verbundenheit zu seiner „verlorenen“ Heimatstadt Butzbach.

Natürlich wissen die Mitglieder seiner neuen Gemeinde um seine Vergangenheit, doch sein menschliches Wesen, sein soziales Engagement tragen ihm und seiner Frau bald die Anerkennung und Sympathie auch der Obergleener ein.

Trotz der Abgeschiedenheit des Ortes gelingt es Weidig, Kontakt zu seinen Gesinnungsfreunden zu halten und sich weiter zu engagieren. Er überarbeitet das fünfte Blatt des Beleuchters aus der Feder des Marburger Politikprofessors Sylvester Jordan und organisiert dessen Druck. Auch die zweite Auflage des Landboten lanciert er in die Hände von Ludwig Rühle, der heimlich 400 Exemplare in der Marburger Druckerei von Noa Gottfried Elwert herstellt.

Die Fortsetzung beginnt mit: Zuvor hat der Demokrat Dr. Leopold Eichelberg aus Marburg den Text ein weiteres Mal überarbeitet und abgemildert. Dennoch behält der Landbote seine politische Brisanz. … bis:

Hier fehlt etwas Wichtiges! Das Folgende geschieht erst im März 1835!

Weidig kämpft mit seinem Gewissen und entschließt sich bei Hanau zur Umkehr. Im Vertrauen auf sein Vaterland und auf seinen Verstand, auch mit Rücksicht auf seine hochschwangere Frau will er den Kampf aufnehmen und sich weiter für die gerechte Sache einsetzen.

Am 24. April 1835 wird Weidig in Obergleen verhaftet und nach Friedberg in die „Klosterkaserne“ gebracht. In diesem ehemaligen Stadthof des Klosters Arnsburg sind nach dem Frankfurter Wachensturm (April 1833) im Dachgeschoss 16 Arrestzellen eigens für politische Gefangene eingerichtet worden.

In einem Gesuch an Staatsminister du Thil erbitten 84 Männer aus Obergleen unverzüglich die Freilassung Weidigs, weil sie „nie einen besseren Seelsorger bekommen könnten und nie einen besseren gehabt haben … Wir leben in der festen Überzeugung, daß ein Mann von so tadellosem Wandel kein Verbrechen begangen haben könne.“

Marburg um 1835, gez. von Johann O. L. Chr. Hach, lith. Friedrich C. Vogel, Hess. Staatsarchiv Marburg

Vom Patrioten zum radikalen Freiheitskämpfer

Napoleons Abdankung weckt große Erwartungen auf ein erneuertes geeintes und politisch liberales Deutschland. Im „Siegestaumel“ gründen sich – dem Vorbild Arndts folgend – vielerorts die sog. „Deutschen Gesellschaften“ zur Pflege des Deutschtums. Um die Brüder Follen entsteht in Gießen die wohl radikalste studentische Vereinigung, die „Schwarzen“, die sich schwarz mit Rock und Barett kleiden. In Butzbach ist Weidig maßgeblich an der Gründung der „Deutschen Gesellschaft“ beteiligt (1814), deren Statuten er nach Arndts Ideen ausrichtet. Vom gleichen Geist inspiriert sind die Zusammenkünfte auf dem Schrenzer, wo Weidig seinen Zuhörern aus der großen deutschen Geschichte erzählt und Freiheitslieder singt. Sein tiefer Patriotismus trägt unzweifelhaft kämpferische Züge, wenn seine Schüler mit hölzernen Waffen üben, um mit vereinter Kraft „jede fernere fremde Unterdrückung abzuwehren“.

Vehement drängt Weidig auf eine Verfassung mit parlamentarischer Volksvertretung im Großherzogtum, so wie alle Staaten des Deutschen Bundes es bereits bei dessen Gründung zugesichert hatten. Somit ist es auch sein Verdienst, als diese 1820 endlich ratifiziert wird – wenngleich sie weit hinter den Forderungen der Demokraten zurückbleibt.

Seine Schüler erzieht Weidig zu politisch denkenden, vaterlandsliebenden Menschen, die an ein starkes, freies und geeintes Deutschland glauben – weshalb die Mainzer Untersuchungsbehörde den Schulmann mit Argwohn verfolgt und ihm unterstellt, dass er die Butzbacher Jugend in „Demagogik“ unterrichte.

Davon unbeirrt kämpft Weidig aus Überzeugung, teils offen und provokativ, für Demokratie und Liberalismus. Die stetige Regulierung und Unterdrückung aller oppositionellen Strömungen drängt diese jedoch in die Kriminalität und führt zwangsläufig zu einer Radikalisierung.

links: Das Barrett der „Schwarzen“ ziert ein silbernes Kreuz. Zeichnung von Ernst Fries, 1819

rechts: Jüngling in „Deutscher Nationaltracht“ (in : Journal des Modes. Francfort s. M., 1815)

Die Gründung des Deutschen Bundes mit der Wiedereinführung der Monarchie zerschlägt alle Hoffnungen auf einen demokratischen Einheitsstaat. Auch Weidig ist von der Entwicklung im Großherzogtum tief enttäuscht. Unter seinem Einfluss wandelt sich die Butzbacher „Deutsche Gesellschaft“ von der patriotischen zur politisch radikalen Vereinigung. Offen fordert er, dass kein Offizier der Butzbacher Garnison Mitglied der Gesellschaft werden dürfe, da sie alle Knechte und Söldner der Regierung seien.

In der Wahl ihrer Kleidung folgen die „Deutschen Gesellschaften“ nicht einer kurzlebigen Mode, die „altdeutsche Tracht“ ist vielmehr ein „Programm“ und Ausdruck einer politischen Überzeugung, die ihre Anhänger geradezu trotzig vertreten. Allein deswegen behalten die Behörden Weidig und seine Gesinnungsgenossen im Auge.

Unverhohlener Aufruf zum „Tyrannenmord“ im Gedichtzyklus „Großes Lied“ von Karl Follen, 1818

So hält Weidigs Studienfreund Karl Follen eine politisch motivierte Straftat für ge- recht, wenn sie in guter Absicht erfolge: Auch habe das Volk das Recht, sich durch „Tyrannenmord“ zu befreien, wenn ihm andere Möglichkeiten versagt blieben.

Der vergebliche Versuch, freiheitliche Vorstellungen auf legalem Weg zu ver- wirklichen, bestärkt auch Weidig in der Überzeugung, dass seine Ziele nur aus dem Untergrund zu erstreiten sind – teils mit radikalen Mitteln. Daher findet der gewaltsame Sturm auf die Frankfurter Wachen anfangs seine Zustimmung. Er steht in engem Kontakt mit den Organisatoren, distanziert sich jedoch zuletzt von dem geplanten Auf- stand, den er als ein schlecht vorbereitetes „Bubenstück“ bezeichnet!

Am Ende sieht Weidig im konspirativen Widerstand einen Akt der Notwehr, und den Meineid versteht er als ein legitimes Mittel zur Selbstverteidigung.

Schüler, Freunde, Mitverschworene

Weidigs Umkreis

Friedrich Ludwig Weidig ist ein hochintelligenter Mann. Er besitzt eine breite Bildung, interessiert sich für Naturwissenschaften und ist aufgeschlossen für technische Neuerungen. Sein Ziel, die eigene Wissbegierde und Begeisterung an seine Schüler weiter- zugeben, erreicht er mit progressiven, geradezu antiautoritären Methoden: Ohne Strenge und Züchtigung mit dem Rohrstock, sondern allein mit Liebe, Geschick und Fleiß gelingt es Weidig, seine Schüler zu besten Leistungen anzuspornen.

So erwirbt er sich rasch den Ruf, ein ausgezeichneter Pädagoge zu sein. Er versteht es, seine Schule auf ein Niveau zu heben, das „nur wenig hinter dem Ideal einer vollendeten Bürgerschule zurückbleibt“, berichtet sein Vorgesetzter Pfarrer Steinberger 1823 dem Großherzoglich-Hessischen Kirchen- und Schulrat der Provinz Oberhessen.

Bis zu seiner Strafversetzung im Herbst 1834 nach Obergleen bei Alsfeld prägt Weidig viele Butzbacher Schülergenerationen.

Auch über ihre Schulzeit hinaus halten etliche junge Männer freundschaftliche Bande zu ihrem Lehrer, mehr noch, sie sind seine Verbündeten und Teil eines Netzwerkes, das sein politisches – teils konspiratives – Wirken unterstützt. Einer der engsten Vertrauten ist sein früherer Schüler Carl Zeuner. Der Sattler und Spritzenmacher ist in alle geheimen Pläne und Unternehmungen Weidigs eingebunden, mehr noch: Das Haus der Familie Zeuner ist ein konspirativer Treffpunkt, dort werden Flüchtige vor der Polizei versteckt, Büchner selbst übernachtet hier zwei Mal im August 1834.

Weidigs oppositionelles und geheimes Wirken stützt sich ganz maßgeblich auf die Mitwirkung seiner Schüler, und viele seiner Aktivitäten wären ohne deren Zu- tun wohl so nicht zustande gekommen.

Mit dem Verbot aller liberalen Zeitungen im Großherzogtum Hessen 1834 werden Weidigschüler zu unentbehrlichen Helfern bei der Herausgabe von unzensierten Geheimschriften. Weitgehend unbehelligt von den Polizeiorganen – weil unverdächtig – bringen die älteren unter ihnen die handgeschriebenen Vorlagen zu den illegalen Druckereien, sie holen die fertigen Flugblätter auch wieder ab und sind bei ihrer Verteilung involviert. Diesem Schülerkreis entstammen die engsten Mitverschworenen, die noch nach dem Tode Weidigs an seinen – bzw. ihren – Grundsätzen festhalten. Viele geraten so ins Visier der Justiz, werden zu Kerkerhaft verurteilt oder müssen ins Ausland fliehen. Erst 1848/49 – nach der Märzrevolution – können sich die Weidig-Anhänger, von denen die „Mehrzahl zu den bestgestählten Demokraten im Hessenlande“ gehört (Wilhelm Schulz), zu ihrer politischen Überzeugung bekennen.

Schicksal der Verschwörer

Verrat, Ergreifung, Festungshaft

Als „Staatsfeind“ und „Demagoge“ führt Weidig ein Leben unter ständiger Beobachtung durch die Behörden. Allein, wer sich in seinem Umfeld aufhält, ist schon für die Polizei verdächtig. Butzbach gilt als „Anarchistennest“! Doch Weidigs konspiratives Netz reicht weit über die Stadt hinaus: Neben vielen anderen zählen auch der Apotheker Theodor Trapp aus Friedberg und Dr. Friedrich Siegmund Jucho, Advokat in Frankfurt und späteres Mitglied des Paulskirchenparlaments zum geheimen Zirkel der Verschwörer. Beide sind als Organisatoren bzw. Fluchthelfer in den Wachensturm verwickelt, weshalb Trapp im Sommer 1833 zeitweilig inhaftiert ist, während Dr. Jucho 1834 festgenommen wird und für vier Jahre unter Arrest bleibt.

Trotz der stetig wachsenden Gefahr, er- griffen und bestraft zu werden, halten die Revolutionäre an ihren Zielen fest und setzen ihren gemeinsamen Kampf im Untergrund fort.

Theodor Trapp, der Betreiber der Hofapotheke in Friedberg, ist ein enger Freund von Weidig und Mitorganisator des Frankfurter Wachensturmes.

Das erste Opfer des Verrats wird der Gießener Jurastudent Karl Minnigerode, ein Vertrauter von Büchner: Mit 139 in Kleidern und Stiefeln versteckten Exemplaren des druckfrischen Landboten wird er in der nahen Universitätsstadt am Selterstor am 1. August 1834 verhaftet. Auch Friedrich Jacob Schütz, der dem engsten Kreis um Büchner und Weidig angehört, wird festgenommen. Schon beim Wachensturm war er involviert, nun wird ihm die Beteiligung am Landbotenprojekt vorgeworfen. Gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt, gelingt ihm mit Hilfe von Weidigs Anhängern die Flucht ins Ausland. Über Tage wird er auch in Butzbach vor der Polizei versteckt (im großen Haus der Braubachs, Färbgasse 9/11 und auf dem Dachboden von Karl Flachs Haus, Weiseler Straße 16).

Es folgen weitere Verhöre der „üblichen Verdächtigen“. Als einer der engsten Vertrauten Weidigs wird Carl Zeuner im November 1834 verhaftet. Außer der Verteilung des Landboten werden ihm die Mitwisserschaft am Frankfurter Attentat sowie die Mitwirkung an dem Spottgedicht auf du Thil zur Last gelegt.

Der Hessische Landbote

Vorbereitung, Druck und Verteilung

Am 29. Januar 1832 gründen Friedrich Schüler (1791-1873), Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789-1845) und Georg August Wirth (1798-1848) – die Organisatoren des Hambacher Festes – mit anderen Bürgern in Zweibrücken den „Deutschen Preß- und Vaterlandsverein“. Die Organisation, die etwa 5.000 Mitglieder in 116 örtlichen „Komitees“ vereint, kämpft für die Pressefreiheit und die Errichtung einer Republik in Deutschland.

Die Behörden reagieren rasch– Bayern verbietet den zentralen Verein nach wenigen Wochen, die Ortsgruppen folgen bald – auch im Großherzogtum Hessen. Dem zum Trotz gründen auf Weidigs Initiative mehrere Oppositionelle aus dem kurhessischen Marburg und dem großherzoglich-hessischen Gießen am 3. Juli 1834 auf der Badenburg (bei Gießen) den „Oberhessischen Preßverein“ in der Absicht, revolutionäre Schriften zum Druck zu bringen. Neben Weidig zählt Dr. Leopold Eichelberg (1804-1879) aus Marburg zu den Anführern.

Trotzdem stammt der Landbote wohl nicht von der Offenbacher Presse. Wahrscheinlich organisiert Preller den Druck bei Sauerländer in Frankfurt – als Teil eines Verwirrspiels, um die Spur zu den Verschwörern zu verwischen. Und dies mit Erfolg, denn weder über die Lettern in Prellers Setzkasten noch über das Papier lässt sich später eine Verbindung nach Offenbach herstellen! Dieser kluge Schachzug ist ein weiterer Beleg für das gut organisierte Netzwerk der Freiheitsbewegung, das über große Entfernungen funktioniert – keine Selbstverständlichkeit im Zeitalter der Kleinstaaterei: Um von Butzbach nach Offenbach zu gelangen, sind nicht nur Landesgrenzen, sondern auch der Main zu überqueren! Offizielle Transportmittel und -wege sind für die konspirative Arbeit und den Nachrichtenaustausch ungeeignet, jede Strecke muss heimlich, d. h. abseits der üblichen Straßen und meist zu Fuß bewältigt werden.

Zu diesem Zeitpunkt haben Weidig und Büchner sich längst kennengelernt, und der Druck des Landboten ist arrangiert. Büchners Urschrift liegt seit Wochen in der elterlichen Scheune von Carl und Wilhelm Braubach versteckt (Färbgasse 9/11). Weidigs Garten hinter dem Haus grenzt an das Anwesen der Braubachs, so dass er den Text jederzeit unbemerkt zur Überarbeitung holen oder sich mit seinen Mitstreitern heimlich treffen kann.

Obwohl sich der radikale Büchner über die Entschärfung seines sozialkritischen Textes erzürnt und seine Autorschaft bestreitet, überlässt er den Druck des Landboten zähneknirschend dem erfahreneren Pfarrer und Lehrer. Denn nur Weidig verfügt über die Kontakte zu konspirativ tätigen Druckern, so auch zu Carl Preller in der Druckerei Brede in Offenbach. Hierhin tragen Büchner und sein Kommilitone Jakob friedrich Schütz (1813-1877) vermutlich in der Nacht auf den 5. Juli 1834 das Manuskript der Flugschrift.

Am 30. Juli 1834 brechen Minnigerode, Schütz und Zeuner auf nach Enkheim.

Am Tag darauf nehmen sie von Preller vermutlich 1.200 Stück des Landboten in Empfang. Während Schütz seinen Teil der Darmstädter Sektion der „Gesellschaft für Menschenrechte“ überbringt, sollen Zeuner und Minnigerode den Landboten in Butzbach, Gießen und anderen Orten in Oberhessen verteilen.

Minnigerodes Verhaftung am 1. August in Gießen versetzt der Bewegung jedoch einen herben Schlag. Dank Büchners Warnung am 2. August können die Mitstreiter in Butzbach und Offenbach zwar in aller Eile noch Belastendes beseitigen. Etliche Exemplare des Landboten werden so vernichtet. Allein Carl Braubach, dem Mitte August rund 50 Stück der brisanten Schrift – angeblich von einem Unbekannten – zugespielt werden, verbrennt diese auf Weidigs persönliche Weisung umgehend in seiner Küche.

Märtyrer – Haft, Folter, Tod

Die Inhaftierung, das Verhör durch Richter Georgi und die ungeklärten Umstände seines Todes.

Hinter eisernen Türen

Mit seiner Festnahme im April 1835 begann für Friedrich Ludwig Weidig eine fast zweijährige Haft in Friedberg und Darmstadt. Sein Untersuchungsrichter war der berüchtigte und brutale Hofgerichtsrat Konrad Georgi. Das Verfahren gegen Weidig folgte den Regeln des geheimen Inquisitionsprozesses, in dem der Beschuldigte kaum Rechte hatte. Untergebracht in einer kleinen Zelle, wurde Weidig körperlich und psychisch gefoltert. Die Misshandlungen und die Isolation setzten ihm zu.

Weidigs Tod

Weidig leistete lange Widerstand, doch als im Januar 1837 sein letztes Gnadengesuch abgelehnt wurde, schwand jede Hoffnung. Am Morgen des 23. Februar 1837 wurde er von einem Wärter mit schweren Schnittverletzungen in seiner Zelle aufgefunden. Es vergingen Stunden, bevor Ärzte eintrafen. An die Wand seiner Zelle soll er mit seinem eigenen Blut die Anklage geschrieben haben: „Da mir der Feind jede Vertheidigung versagt, so wähle ich einen schimpfl. Tod von freien Stücken.“ Die offizielle Todesursache lautete Selbstmord. Doch Weidigs Verbündeten und den liberalen Anhängern kam sofort der Verdacht auf Mord. Aus heutiger Sicht würde man zumindest von unterlassener Hilfeleistung sprechen. Die Umstände von Weidigs Tod führten damals zu einer langjährigen öffentlichen Debatte über die Geheimjustiz.

Das Echo eines Lebens

Begraben wurde Weidig auf dem Alten Friedhof in Darmstadt. Die Behörden versuchten vergeblich, sein Andenken auszulöschen, indem sie die Inschrift auf seinem Grabstein unkenntlich machten.

Mit seiner politischen Arbeit ist Weidig Teil der Gruppe vor-revolutionärer Denker und Kämpfer, die den Weg für die Deutsche Revolution 1848/49 ebneten. Ihre Ziele einer parlamentarischen Demokratie und eines geeinten Deutschlands verwirklichten sich in der Paulskirche in Frankfurt: 1849 wurde die erste demokratische Verfassung Deutschlands ins Leben gerufen – die Paulskirchenverfassung.

Haft im Arresthaus in Darmstadt

Verhöre, Folter und Tod 1835 -1837

Die Untersuchungen im „Fall Weidig“ entwickeln sich zu einem Zweikampf zwischen Hofgerichtsrath Georgi und dem Delinquenten Weidig zwei Männer mit völlig unterschiedlicher Ausrichtung: Hier der Richter, der sich schon in der ersten Welle der Demagogenverfolgung als Eiferer hervorgetan hatte, ein ohne Zweifel staatstreuer Alkoholiker, der bereit ist, in der Wahl seiner Mittel bis zum Äußersten, gerade eben noch Legalen zu gehen. Dort ein überzeugter Regimekritiker, der sich seit seiner Studentenzeit für die demokratische Erneuerung des Staates eingesetzt hatte, und dabei den Weg in den Untergrund in die Illegalität nicht scheute. Weidig wird bereits 1833 von Georgi in Gießen verhört, da wussten sie wohl schon, dass sie Todfeinde sind.

Die beiden Kontrahenten lassen nichts unversucht, um zu ihren jeweiligen Zielen zu kommen, wobei Weidig sich zu jeder Zeit in der schwächeren Position befindet.

Die psychische Marter erfährt eine Steigerung, als in den letzten Monaten sämtliche Verhöre ausgesetzt werden, bis neue Beweise für seine Schuld gefunden sind. Weidig fühlt sich wie „ein lebendig Begrabener“, er leidet an gestörter Sinneswahrnehmung, hört die Stimmen seiner Angehörigen, wähnt gefälschte Verhörprotokolle und fürchtet seine heimlich vorbereitete Hinrichtung. Georgi bestreitet den angeschlagenen Gesundheitszustand seines Gefangenen und beschuldigt ihn der Verstellung. Alle Anträge auf vorläufige Entlassung aus der Haft werden zurückgewiesen. Den letzten abschlägigen Bescheid erhält Weidig am 28. Januar 1837 vom obersten hessischen Gerichtshof, spätestens jetzt glaubt er sich endgültig für verloren.

Am Morgen des 23. Februar 1837 findet ein Wärter ihn blutend auf seinem Bett vor. Der Mann überlässt den Verletzten sich selbst, verschließt die Zelle und informiert Georgi.

Im Verhör leugnet Weidig jede Schuld, er taktiert geschickt, entlockt seinem Widersacher, welche Beweise er besitzt und räumt dann nur ein, was ohnehin nicht zu bestreiten ist. Dabei versucht er, den Dingen eine harmlose Bedeutung zu geben.

Auf seine „Lügen und ungebührliches Benehmen“ verhängt Georgi harte „Disciplinarstrafen“: Weidig muss Ketten tragen, seine Hand- und Fuß- gelenke werden mit dem Sprenger zusammengeschraubt oder er wird an die Zellenwand angeschlossen.

Georgi droht ihm auch mit Prügel doch mit Blick auf seinen Gesundheitszustand erheben die Ärzte Einspruch, weshalb das Hofgericht in Gießen hierzu seine Zustimmung verweigert.

Psychische wie auch physische Folter sind zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches, denn grundsätzlich ist körperliche Züchtigung vom Gesetz erlaubt.

Eine halbe Stunde später trifft Georgi ein und schickt nach den Ärzten. Wieder wird der schwerstveletzte Weidig allein gelassen. Er fügt er sich noch weitere Schnittwunden an Armen und Beinen zu, zudem durchtrennt er sich die Luftröhre oberhalb des Kehlkopfes. Als die Ärzte schließlich um zehn Uhr eintreffen, ist Weidig nicht mehr zu retten. Seiner Nachwelt hinterlässt er die mit Blut an die Wand geschriebenen Worte [2 Varianten überliefert]: „Da mir der Feind jede Vertheidigung versagt, so wähle ich einen schimpfl. Tod von freien Stücken.“ andere Lesevariante: „freies Sterben“. Die Untersuchung der Leiche wird ergeben, dass Weidig sich die letztlich tödliche Wunde am Hals erst nach Georgis Inspizierung beigebracht hat. Das hätte verhindert werden können, hätte man wenigstens die Scherben beseitigt. Außerdem finden sich oberflächlich verheilte Wunden am Oberschenkel, die sich auf heftige Schläge mit dem Farrenschwanz zurückführen lassen.

Ein Mann von so tadellosem Wandel

Versetzung und Verhaftung 1834 / 1835

Am 1. September 1834 hält Weidig in Obergleen seine Antrittspredigt als Pfarrer. In Anwesenheit einiger Butzbacher Freunde betont er darin noch einmal seine Verbundenheit zu seiner „verlorenen“ Heimatstadt Butzbach.

Natürlich wissen die Mitglieder seiner neuen Gemeinde um seine Vergangenheit, doch sein menschliches Wesen, sein soziales Engagement tragen ihm und seiner Frau bald die Anerkennung und Sympathie auch der Obergleener ein.

Trotz der Abgeschiedenheit des Ortes gelingt es Weidig, Kontakt zu seinen Gesinnungsfreunden zu halten und sich weiter zu engagieren. Er überarbeitet das fünfte Blatt des Beleuchters aus der Feder des Marburger Politikprofessors Sylvester Jordan und organisiert dessen Druck. Auch die zweite Auflage des Landboten lanciert er in die Hände von Ludwig Rühle, der heimlich 400 Exemplare in der Marburger Druckerei von Noa Gottfried Elwert herstellt.

Die Fortsetzung beginnt mit: Zuvor hat der Demokrat Dr. Leopold Eichelberg aus Marburg den Text ein weiteres Mal überarbeitet und abgemildert. Dennoch behält der Landbote seine politische Brisanz. … bis:

Hier fehlt etwas Wichtiges! Das Folgende geschieht erst im März 1835!

Weidig kämpft mit seinem Gewissen und entschließt sich bei Hanau zur Umkehr. Im Vertrauen auf sein Vaterland und auf seinen Verstand, auch mit Rücksicht auf seine hochschwangere Frau will er den Kampf aufnehmen und sich weiter für die gerechte Sache einsetzen.

Am 24. April 1835 wird Weidig in Obergleen verhaftet und nach Friedberg in die „Klosterkaserne“ gebracht. In diesem ehemaligen Stadthof des Klosters Arnsburg sind nach dem Frankfurter Wachensturm (April 1833) im Dachgeschoss 16 Arrestzellen eigens für politische Gefangene eingerichtet worden.

In einem Gesuch an Staatsminister du Thil erbitten 84 Männer aus Obergleen unverzüglich die Freilassung Weidigs, weil sie „nie einen besseren Seelsorger bekommen könnten und nie einen besseren gehabt haben … Wir leben in der festen Überzeugung, daß ein Mann von so tadellosem Wandel kein Verbrechen begangen haben könne.“

Das neue Darmstädter Arresthaus

nach den Plänen von Franz Heger (1792-1836)

Unter Oberbaurat und Hofbaudirektor Georg Moller (1784-1852) wird von 1832 bis 1834 das „Großherzogliche Provinzial-Arresthaus“ in Darmstadt errichtet. Gleich nach der Fertigstellung werden die meisten politischen Gefangenen des hessischen Großherzogtums, die Verschwörer um den „Frankfurter Wachensturm“ und den „Hessischen Landboten“, in dieses neue Gefängnis verlegt, das für seine Zeit nach hochmodernen Gesichts-punkten gestaltet ist. Auch die Untersuchungskommission des Gießener Hofgerichts erhält hier ihren neuen Sitz.

Noch bis 1969 wird das „Arresthaus“ in der Rundeturmstraße als Gefängnis genutzt. Nach der Verlegung der Strafgefangenen in die neu erbaute Justizvollzugsanstalt Eberstadt erfolgt 1970 der Abriss des alten Gebäudes. An seiner Stelle befinden sich heute das Fraunhofer Institut und ein Gebäude der TU Darmstadt. Roter Pfeil: Weidigs Zelle.

Schicksal der Verschwörer

Verrat, Ergreifung, Festungshaft

Als „Staatsfeind“ und „Demagoge“ führt Weidig ein Leben unter ständiger Beobachtung durch die Behörden. Allein, wer sich in seinem Umfeld aufhält, ist schon für die Polizei verdächtig. Butzbach gilt als „Anarchistennest“! Doch Weidigs konspiratives Netz reicht weit über die Stadt hinaus: Neben vielen anderen zählen auch der Apotheker Theodor Trapp aus Friedberg und Dr. Friedrich Siegmund Jucho, Advokat in Frankfurt und späteres Mitglied des Paulskirchenparlaments zum geheimen Zirkel der Verschwörer. Beide sind als Organisatoren bzw. Fluchthelfer in den Wachensturm verwickelt, weshalb Trapp im Sommer 1833 zeitweilig inhaftiert ist, während Dr. Jucho 1834 festgenommen wird und für vier Jahre unter Arrest bleibt.

Trotz der stetig wachsenden Gefahr, er- griffen und bestraft zu werden, halten die Revolutionäre an ihren Zielen fest und setzen ihren gemeinsamen Kampf im Untergrund fort.

Theodor Trapp, der Betreiber der Hofapotheke in Friedberg, ist ein enger Freund von Weidig und Mitorganisator des Frankfurter Wachensturmes.

Das erste Opfer des Verrats wird der Gießener Jurastudent Karl Minnigerode, ein Vertrauter von Büchner: Mit 139 in Kleidern und Stiefeln versteckten Exemplaren des druckfrischen Landboten wird er in der nahen Universitätsstadt am Selterstor am 1. August 1834 verhaftet. Auch Friedrich Jacob Schütz, der dem engsten Kreis um Büchner und Weidig angehört, wird festgenommen. Schon beim Wachensturm war er involviert, nun wird ihm die Beteiligung am Landbotenprojekt vorgeworfen. Gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt, gelingt ihm mit Hilfe von Weidigs Anhängern die Flucht ins Ausland. Über Tage wird er auch in Butzbach vor der Polizei versteckt (im großen Haus der Braubachs, Färbgasse 9/11 und auf dem Dachboden von Karl Flachs Haus, Weiseler Straße 16).

Es folgen weitere Verhöre der „üblichen Verdächtigen“. Als einer der engsten Vertrauten Weidigs wird Carl Zeuner im November 1834 verhaftet. Außer der Verteilung des Landboten werden ihm die Mitwisserschaft am Frankfurter Attentat sowie die Mitwirkung an dem Spottgedicht auf du Thil zur Last gelegt.

Der Hessische Landbote

Wahrnehmung und Bedeutung

Die zentrale Botschaft des Hessischen Landboten ist der Aufruf zur Rebellion gegen eine Regierung, die ihre deren Rechtmäßigkeit – so die Autoren längst verloren haben. Die Fürsten seien keine gewählten Volksvertreter. Ihre „göttliche Gewalt vererbt sich auf [ihre] Kinder“, auch ihre Vasallen erheben sie nach Belieben ins Amt.

Diese lassen „sich gerade theuer genug bezahlen, um keine Bestechung zu brauchen“, und werden mit satten Pensionen „aufs Polster gelegt, wenn sie eine gewisse Zeit […] eifrige Handlanger bei der […] Schinderei gewesen“ seien.

Hatte das Spottgedicht auf Staatsminister Karl du Thil schon für höchste Aufregung gesorgt und fieberhafte Ermittlungen ausgelöst, so schlägt der Hessische Landbote nun ein wie eine Bombe!

Eingestuft als eine der „bösartigsten und gefährlichsten“ Flugschriften haben die Verfasser und ihre Helfer von der Obrigkeit keine Milde zu erwarten.

Trotz aller Wortgewalt des Landboten bleibt die erhoffte Revolution aus.

Sicher hat der frühzeitige Verrat dazu beigetragen, dass die Aktion fehl- schlägt. Doch lässt sich die Entwicklung nicht allein hiermit begründen. Obwohl ein Teil der Auflage beschlagnahmt wird, erreicht vermutlich der weitaus größere Teil seine Zielgruppe. Ab August 1834 wird der Landbote in Oberhessen verteilt.

Auch lässt sich die Freiheitsbewegung durch Steckbriefe und Verfolgung nicht aufhalten. Selbst im entlegenen Vogelsberg hält Weidig den Kontakt zu seinen Verbündeten und setzt die konspirative Arbeit fort. Doch die Bevölkerung zieht nicht mit! Im Gegenteil: Viele der von Bevormundung und Einschüchterung zermürbten kleinen Leute liefern den Landboten brav bei den Behörden ab.

Nicht zufällig stammen die meisten der überlieferten Exemplare des Landboten aus den Prozessakten. In den Haushalten des „deutschen Michel“ hat sich kaum ein Blatt der brisanten Schrift erhalten!

Bei den Liberalen stößt der Hessische Landbote vielfach auf Ablehnung, da sie sich trotz Weidigs Milderungen als Wohlhabende selbst in der Kritik sehen.

Über die Reaktion der Handwerker und Bauern im Großherzogtum ist relativ wenig bekannt. Sicher hat der Text hier einige Zustimmung gefunden, aber letztlich ist das revolutionäre Potential im Volk, die Bereitschaft zur Rebellion mit allen Konsequenzen von den Autoren überschätzt worden.

Trotz – oder wegen? – der geringen Resonanz halten Weidig und Eichelberg eine zweite Auflage des Landboten für sinnvoll. Mit Blick auf die Liberalen wird der Text noch einmal entschärft. Ohne Wissen seines Chefs und Brotherrn (Noa Gottfried Elwert) druckt Ludwig August Rühle rund 400 Exemplare in der Marburger Druckerei Elwert, die von Gustav von Stockhausen und August Becker verteilt werden.

Am Druck dieser zweiten Auflage ist der nach Frankreich geflohene Büchner nicht beteiligt.

Weidigs Nachleben im 19. Jahrhundert

Vertuschung, Verdammung und Verehrung

Weidig hinterlässt seine Frau Amalie mit den Geschwistern Wilhelm (1828-1884) und Amalie Friedegard (1835-1906) in wirtschaftlich äußerst schwieriger Situation. Mit der Herausgabe zweier Bücher versuchen Weidigs Freunde, der Witwe und den Kindern finanziell zu helfen (Reliquien Weidig’s, 1838; Gedichte Weidig’s, 1847). Amalie verwindet den Tod ihres Mannes psychisch nicht, sie stirbt 1839 in Gießen an einem Nervenleiden. Beide Kinder werden von Weidigs Bruder Karl und dessen Frau im Homberg (Ohm) aufgenommen.

Der mysteriöse Tod Weidigs führt zu Spekulationen. War es unterlassene Hilfeleistung, Freitod oder womöglich Mord? Die offizielle Darstellung wird vielfach angezweifelt und Weidig von seinen Anhängern zum „Märtyrer der Freiheit“ erklärt. Die politische Presse außerhalb des strafgerichtlichen Zugriffs des Großherzogtums und zahlreiche im Ausland erscheinende Publikationen befassen sich mit dem Geheimnis um Weidigs Tod und hinterfragen den Fall kritisch.

Die Behörden versuchen, den Verdacht auf mögliche Rechtswidrigkeiten im Fall Weidig zu widerlegen. Unter Berufung auf die Gerichtsordnung des Jahres 1726 sowie Gesetzesentwürfe und Einzelverfügungen werden die Verhörmethoden Georgis einschließlich der angewendeten Zwangsmittel und Ungehorsams-strafen nachträglich für rechtens erklärt.

Jedes Aufsehen um die Person wie um den Tod Weidigs soll vermieden werden. Seiner öffentlich zu gedenken, ist bei Strafe untersagt. Die Inschrift an Weidigs Grab lassen die Behörden mit Eisenkitt überdecken, Blumenschmuck wird entfernt. Zu groß sind die Befürchtungen, dass hier eine Pilgerstätte entsteht.

Erst mit der Revolution von 1848/49 können sich seine Anhänger offen zu Weidig bekennen. Die Grabinschrift wird freigelegt, an der Grabstätte und in Butzbach wird ihm in Ehre gedacht. Auf großen Gedächtnisveranstaltungen wird an Weidig, das „Blutopfer des reaktionären Vormärzsystems“, erinnert.

Im Jahr 1848 wird die „Weidigstiftung“ gegründet. Sie widmet sich der Pflege des Weidig-Grabes und der Begabten- förderung in Butzbach und Obergleen. Letzteres wird 1853 vom Ministerium des Innern ausdrücklich untersagt.

Der „Weidig-Hain“ auf dem Schrenzer wird im zweiten Revolutionsjahr 1849 eingeweiht. Umgeben von vier Eichen und einer Linde werden Fichten so an- gepflanzt, dass sie den Namen WEIDIG ergeben. Von diesen Bäumen hat keiner überdauert. Heute nimmt das „Denkmal der Deutschen Einheit“ Bezug zu dieser Gedenkstätte, da der deutsche Einheitsstaat stets zu Weidigs Zielen zählte.

Dem ersten „Schrenzer-Bergfest“, von Moritz Kuhl 1851 – nach der gescheiterten Revolution – angeregt, versagt die großherzoglich-hessische Regierung die behördliche Zustimmung.

Dennoch pflegen etliche Vereine (Turn-, Gesang-, Musik-, Fecht-, Volks-, und der 1900 gegründete Geschichtsverein ein ehrendes Andenken an Weidig.

Weidigs Nachwirken bis in die Gegenwart

Vorbild, Mahnung und Verpflichtung

Die erregte Diskussion um Weidigs Tod wirft die These auf, er sei – ohne Aussicht auf Freilassung – nicht allein aus Verzweiflung aus dem Leben ge- schieden. Mit seinem Freitod habe er als Märtyrer etwas bewirken wollen. Ob Spekulation oder Verklärung, Fakt ist, dass der demokratische Publizist Friedrich Ludwig Schulz mit seinem Buch Der Tod des Pfarrers Friedrich Ludwig Weidig (1843) eine Debatte anstößt, die zur Abschaffung der geheimen Prozessverfahren führt.

Bereits im 19. Jahrhundert wird Weidig – seine Ziele und sein Scheitern – von verschiedenen politischen Fraktionen adaptiert und vereinnahmt.

Der sozialdemokratische Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold errichtet auf dem Schrenzer 1928 das sog. Republikanische Denkmal, das die Portraits von Ebert, Rathenau, Erzberger und Weidig zeigt. Auf Betreiben von Dr. Werner, Oberrealschul-Professor und erster hessischer Staatspräsident der NSDAP, wird es im April 1933 gesprengt.

Überregional erfährt Weidig und seine Beziehung zu Büchner wachsende Beachtung seitens der Historiker. Sein Anteil am Hessischen Landboten, der berühmtesten sozialrevolutionären Flugschrift, wird heute allgemein höher eingestuft, als es jahrzehntelang der Fall war.

Weidigs Kampf für Demokratie und freie Bürgerrechte weist erschreckend viele aktuelle Parallelen auf. Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung aus religiösen oder sexuellen Gründen sowie ein menschenverachtender Umgang mit politischen Gegnern gehören leider bis heute überall auf der Welt zum Alltag. In totalitären Systemen werden Kritiker unter Umgehung fairer Gerichtsverfahren und Anwendung von physischer wie psychischer Gewalt gebrochen und mundtot gemacht. Für die Bespitzelung, Verfolgung und Ausschaltung – oft durch Geheimdienste bis hin zum (Auftrags)Mord – gibt es in der Geschichte weltweit immer wieder genug Beispiele. Z.B. büßten auch die Geschwister Hans und Sophie Scholl 1943 für ihre Flugblatt-Aktionen mit ihrem Leben!

Weidigs Reden und Schriften stehen in völligem Einklang mit seinem Tun. Seine Glaubwürdigkeit, seine Opferbereitschaft und sein fester Wille liefern uns heute ein Vorbild für Bürgerfreiheit, Mitmenschlichkeit, Rechtsempfinden und Zivilcourage.

2015 befürwortet der Freundes- und Förderkreis Museum Butzbach e. V. den Aufbau einer eigenen Weidig-Abteilung im Museum der Stadt Butzbach. In Anerkennung seiner Vorbildfunktion für gelebte Toleranz und zur Schulung eines demokratischen Bewusstseins wird das Vorhaben bezuschusst aus dem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufgelegten Förderprogramm „Demokratie leben“.

Die neue Museumsabteilung „Friedrich Ludwig Weidig und seine Zeit“ dient als Lernort für Geschichte und Demokratie. Mit der Eröffnung in 2016, dem Jahr seines 225. Geburtstages, erweisen wir Weidig unseren Respekt.